“Im Leben auf das Wesentliche konzentrieren” – Interview mit Jörg Kundrath

Folge: 15

Jörg Kundrath ist seit vielen Jahren als Unternehmer tätig. Sein Fokus hat sich mittlerweile aber geändert. Seitdem er Familienvater ist und er schwere Krankheiten überwunden hat, konzentriert er sich in seinem Leben auf das Wesentliche. Seine Geschichte erzählt er in dieser Folge von “Mehr Mut zum Glück”.
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Inhalt

Jörg Kundrath kannte ich aus dem Podcast von Uwe von Grafenstein. Uwe hatte ich in Folge 3 von “Mehr Mut zum Glück”. Er war der festen Überzeugung, dass Jörg mit seiner Lebensgeschichte auch ein passender Gast für meinen Podcast sei. Uwe stellte den Kontakt her und ich sprach in einem Kennenlerngespräch mit Jörg über seinen Lebensweg. Dabei hat mich Jörg mit seinen positiven Lebensansichten trotz der vielen Rückschläge beeindruckt.

Wir machten einen Interviewtermin aus und führten das sehr ehrliche Gespräch für “Mehr Mut zum Glück”. Wir sprechen über Jörgs Karriere, die wirklich wichtigen Dinge im Leben und sein neues Projekt Mindeset Movers. Ich hoffe, dass du auch so viele Anregungen mitnehmen kannst wie ich.

Shownotes

Präsentiert von Teach First Deutschland

Diese Folge wird Dir präsentiert von Teach First Deutschland. Wäre es nicht klasse, wenn du bei deinem nächsten Job junge Menschen auf ihrem Weg zum Glück begleiten könntest?

Dieses Vorhaben hat sich die gemeinnützige Bildungsorganisation Teach First Deutschland auf die Fahnen geschrieben. Sie setzen sich hierzulande für mehr Bildungsgerechtigkeit ein.

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Wie die Arbeit als Fellow während der Corona-Pandemie aussieht, kannst du im Liveblog von Teach First verfolgen.

Zusammenfassung Interview mit Jörg Kundrath

Wie definierst Du Glück für Dich persönlich?

Zu allererst natürlich Familie, Gesundheit und zu tun was man liebt.

Aber ich glaube Glück für mich ist, wenn man auch einfach ohne Grund glücklich sein kann. Also unabhängig von äußeren Einflussfaktoren und auch wenn es mal nicht so läuft, wie man es sich vorstellt. Da können wir viel von den Kindern lernen.

Du hattest seit 2001 immer wieder mit gesundheitlichen Problemen zu kämpfen. Wie schwer ist Dir das anfangs gefallen, immer wieder Kraft für den Weg zu sammeln?

2001 wurden bei mir beim Blutspenden erhöhte Leberwerte festgestellt. Nach einer Diagnose kam heraus, dass ich eine chronischer Erkrankungen an Leber und Darm hatte und das mit 18! 2014 kam dann die Diagnose Hodenkrebs.

Es gab 2 Faktoren, die mir dabei geholfen haben, das zu bewältigen und Kraft zu tanken. Das war zum einen meine Frau, die ich kurz vor der ersten Diagnose kennengelernt habe und die immer eine Konstante in meinem Leben war.

Zum anderen habe ich 2002 im Krankenhaus einen Arzt kennengelernt, der ganz salopp meinte :„Egal was im Leben passiert – einfach mal Fünfe grade sein lassen“. Das hat mir eine unglaublich Leichtigkeit geschenkt.

Ich sehe es mittlerweile so, dass alles im Leben ein Geschenk ist – nur manchmal ist es eben „scheiße“ verpackt! Meine Krankheitsgeschichte hat mir geholfen mich auf das Wesentliche zu besinnen, wie wichtig Gesundheit ist und war auch der Auslöser für eine Geschäftsidee.

Hattest Du vor dem Studium schon einen speziellen Berufswunsch?

In meinem Umfeld hatte ich damals viele Geschäftsführer und von daher konnte ich mir das auch schon immer vorstellen. Während des Studiums kam dann der Wunsch auf, was Eigenes zu gründen.

Während des Studiums hast Du einiges ausprobiert. Welchen Berufswunsch hattest Du denn damals?

Es hat sich eher herauskristallisiert was ich nicht machen möchte. Ich habe Praktika gemacht im Bereich Controlling und Wirtschaftsprüfung, aber das war nicht das Richtige.

Ich hab damals mit meinem heutigen Mitgründer schon gewusst: Amazon und E-Commerce finden wir super spannend. Aber die zündende Idee hat damals noch gefehlt.

2009 bist Du nach dem Studium zu Amazon gekommen. War das ein Traumjob für Dich? Was hast Du genau gemacht?

Ja, das war damals mein Traumjob und eine super Zeit. Ich bin tatsächlich erst beim dritten Anlauf reingekommen und im Bereich Finance gelandet.

Über Umwege bist Du dann zu Amazon FBA gekommen. Wie kam das?

Mein Freund Kai und ich waren beide bei Amazon beschäftigt. Wir hatten gesehen, welche Umsätze externe Lieferanten mit teilweise echt miesen Produktbildern über Amazon machen.

Dann habe ich das Buch „Kopf schlägt Kapital“ von Günther Faltin gelesen, in dem es unter anderem um die Komponentengründung geht.

Amazon hatte genau zu dem Zeitpunkt das FBA Programm gestartet. Das heißt, die Händler schicken Amazon die Ware und die kümmern sich um die gesamte Logistik mit Versand, Retoure und Lager.

Dann wollten wir das ausprobieren und sind mit Hüllen fürs iPad gestartet. Erst mit einer Billig-Variante von Alibaba, um den Prozess zu testen. Später kamen dann Lederhüllen dazu, wir haben eine Marke aufgebaut und haben schließlich bei Amazon gekündigt.

Du bist ja nebenberuflich gestartet. War das sinnvoll?

Vielleicht weil wir uns noch nicht sicher waren, ob das so klappen wird, wie wir uns das vorstellen. Amazon FBA war damals ja noch ganz neu. Es war gut für uns, aus einem sicheren Hafen aus zu starten.

Du standest dann vor der Entscheidung: Gründer oder Corporate-Karriere? Warum hast Du Dich für eine Karriere als Gründer entschieden?

Ich habe in den 2 Jahren bei Amazon viel gelernt, aber gemerkt, dass es nichts für mich ist. Wenn du weit unten bist, bist du halt nur ein kleines Rädchen und das fühlt sich nicht gut an.

Wie hat sich Kavaj über die Jahre entwickelt?

Sehr gut. Wir haben zu Beginn das Startkapital in 12 verschiedene Hüllen gesteckt, wovon 3 Stück richtig gut auf Amazon abgegangen sind.

2018 hast Du Dich dann entschieden, etwas Neues machen zu wollen. Wie ging das weiter?

Ich sehe das mit einem lachenden und einem weinenden Auge. Zum einen ist es toll, dass so viele Menschen dadurch die Chance haben sich selbstständig zu machen und ein selbstbestimmtes Leben zu führen.

Auf der anderen Seite hat das zu Geschäftspraktiken bei Amazon geführt, die mir etwas die Lust daran genommen haben. Beispielsweise das viele Bewertungen gekauft wurden.

2014 und 2015 waren für Dich einschneidende Jahre: Du bist Vater geworden und kurz darauf bist Du schwer erkrankt. Wie bist Du mit diesem Wechselbad der Gefühle umgegangen?

Ich habe zu dem Arzt kurz vor der Hodenkrebs-OP gesagt: „Egal was passiert, ich möchte die ersten 18 Jahre meiner Tochter miterleben, damit ich weiß, dass sie auf sicheren Beinen steht.“

Glücklicherweise ist alles gut gegangen und das Thema war damit erledigt. Sowas lehrt einen natürlich immer, dass nichts im Leben selbstverständlich ist. Ich wollte auf jeden Fall weiter Unternehmer sein, aber eben auch Papa und ein guter Ehemann. Ich hab dann auch Coachings und Trainings gemacht, um persönlich zu wachsen.

Welchen Einfluss hatten Vaterschaft und Erkrankung auf Deine Arbeit? Hat sich da etwas geändert?

Das hatte eigentlich keinen großen Einfluss. Wir hatten die Firma in München gegründet, aber uns war damals schon klar, dass wir das später remote aufstellen wollen, so dass wir beide von zuhause aus arbeiten können.

2018 hast Du Dich dann entschieden, etwas Neues machen zu wollen. Wie ging das weiter?

Wie das halt so oft ist, wenn man sich mit sich selbst beschäftigt und Dinge hinterfragt. Ich habe gemerkt, dass das Thema FBA mein Herz nicht zum Singen bringt und so habe ich 2018 eine Ausbildung zum Mentaltrainer gemacht.

Ich hatte das Gefühl Kai (meinen Geschäftspartner) im Stich zu lassen, aber habe im genau gesagt, wie es bei mir aussieht. Letztendlich haben wir Kavaj verkauft. Kai ist aber noch Geschäftsführer und das ganze Team ist noch an Bord.

Musst Du Dir nach dem Verkauf Deiner Kavaj-Anteile eigentlich noch Gedanken um das Thema Geld machen oder kannst Du das umsetzen, was Du möchtest?

Wir haben Kavaj für 900.000 Euro verkauft. Das auf zwei Personen war ein Betrag mit dem ich mir gesagt habe: Jetzt bist du für zwei Jahre erstmal frei.

Das hat mir einen gewissen Raum verschafft. Ich hatte aber schon immer ein tiefes Vertrauen ins Leben, dass ich wusste – selbst wenn es nicht klappt, was ich mir vornehme, es geht immer irgendwie weiter.

Mittlerweile betreibst Du das Projekt Mindset Movers. Was steckt dahinter?

Mindset Movers hat das Ziel, dass sich bis 2030 10 Millionen Menschen in Deutschland mit irgendeiner positiven Philosophie auseinandergesetzt haben. Also beispielsweise NLP, gewaltfreie Kommunikation – da darf jeder was Passendes finden.

Wir sind der Überzeugung wenn sich 10 Millionen Menschen in Deutschland mit sowas beschäftigt haben, dann ist es Allgemeinwissen, dann geht es nicht mehr weg und dann ist die Welt ein positiverer Ort.

Ein Zitat von Dir lautet “Wer seine Kinder und Kollegen führen, inspirieren und ein Vorbild sein möchte, muss lernen, sich selbst zu führen“. Wie kann ich das lernen?

Indem du die Haltung annimmst, dass du alleine für dein eigenes Glück verantwortlich bist. Veränderungen finden von innen nach außen statt.

Das hat viel mit Reflektion zu tun und ist ein Prozess: Lebe ich wirklich das Leben, dass ich leben möchte? Übernehme ich im Beruf und Alltag wirklich die Verantwortung oder versuche ich die Schuld bei anderen zu suchen?

Da ist es wichtig, wirklich bei sich zu bleiben. Wenn jetzt ein Mitarbeiter einen Fehler macht, frage ich mich beispielsweise, was hätte ich besser machen können, beispielsweise den Prozess besser erklären, damit das nicht passiert?

Ein anderes Zitat lautet: “Jeder sollte für sich sicherstellen, am Ende des Lebens nicht bereuen zu müssen, etwas im Leben verpasst bzw. vernachlässigt zu haben.” Gibt es für uns nicht ein entweder oder? Also Karriere oder Familie, leben oder sparen etc.

Das sehe ich überhaupt nicht so. Wenn ich das so sehe, laufe ich ja so einer Karotte hinterher: Wenn ich XY erreicht habe, dann habe ich Zeit für meine Familie.

Die meisten machen sich nur Gedanken oder setzen Ziele nur im beruflichen Bereich. Die meisten machen sich keine Gedanken wie sie als Elternteil sein wollen oder was die eigenen Kinder mal über einen sagen sollen.

Ich bin fest davon überzeugt, dass alles gleichzeitig möglich ist und es gibt dafür extrem viele Beispiele. Man kann auf jeden Fall gleichzeitig eine tolle Position im Job haben und Selbstfürsorge betreiben für sich und seine Familie.

Viele Dinge kann man nachholen, wie einen alten Freund wiederzutreffen. Aber so Dinge wie Familie, Gesundheit und Glück, das kann man nicht nachholen und da möchte ich die Menschen inspirieren: Bist du nur da, um Ergebnisse zu erzielen oder willst auch glücklich und erfüllt sein?

Welche Zukunftsziele hast Du noch?

Ich betreibe neben Mindset Movers aktuell das Projekt bzw. den Podcast „Familienmensch“, wo ich Menschen zeige wie sie Familie und Beruf unter einen Hut bringen. Teilweise begleite ich da auch Menschen 1:1 in Coachings.

Ich habe mir da noch nicht so die Gedanken gemacht, wie das finanziell laufen wird, aber ich habe aktuell das starke Bedürfnis zu geben und glaube fest daran, dass das alles irgendwann zurückkommt.

Zum Abschluss würde ich gern noch das obligatorische Wordshuffle machen. Ich nenne Dir unterschiedliche Begriffe und Du sagst, was Dir dazu einfällt. Die Begriffe nenne ich aber erst im Interview.

iPad

Das iPad hat mir eine Lebensgrundlage ermöglicht und ich hab weit über 100.000 iPad-Taschen verkauft! Von daher bedeutet mir das extrem viel. Mittlerweile hat es aber keine so große Bedeutung mehr und ich versuche allgemein die Zeit an digitalen Geräten auf ein Minimum zu reduzieren.

Rentenversicherung

Meine Abschlussarbeit ging über die Refomierbarkeit der Rentenversicherung. Meiner Meinung nach ist sie aber leider nicht wirklich refomierbar. Ich denke jeder sollte sich um eine private Altersvorsorge kümmern und sich nicht auf die gesetzliche Rente verlassen.

Veränderungen

Veränderung ist großartig. Wenn man das merkt und das mit einer gewissen Neugierde angeht, macht es das Leben so viel leichter. Grundsätzlich sind wir als Menschen ja eher so „Bewahrer“ und mögen keine Veränderungen, aber eigentlich sind sie ein riesen Geschenk und ermöglichen uns lebenslanges Lernen.

Golf

Ich habe im Studium golfen gelernt und während meines Abschlussjahres viel gespielt und das sehr genossen. Mittlerweile ist es schon Jahre her als ich das letzte Mal golfen war.

München

München war für mich eine total wichtige Station und von 2009 bis 2011 war ich dort bei Amazon und habe Kavaj gegründet. Ich fühle mich in der Kleinstadt aber wohler, weil alles gefühlt berechenbarer und nicht so laut ist.

Mut

Ich nehm mich gar nicht so als mutig war, aber ich habe eine starke Neugierde in mir, die mich immer wieder meine Komfortzone verlassen lässt, um Neues auszuprobieren.

Perspektiven

Zwei Herzen schlagen dazu in meiner Brust. Auf der einen Seite ist es wichtig einen Nordstern zu haben, einen Fixpunkt wo man hin möchte. Aber gleichzeitig dass auch nicht zu verbissen zu machen, dem Unbekannten Raum zu lassen und dem Leben ein Stück weit zu vertrauen. Also zu wissen, dass man eine tolle Zukunft und Perspektive vor sich hat, aber nicht im Detail zu wissen, wie die genau aussieht.

Bilder: Jörg Kundrath

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2 Antworten

  1. Hallo Daniel,
    „Mehr Mut zum Glück“ ist eine wunderbare Bereicherung und zählt zu meinen Top-Podcasts. Bitte mach weiter so. Der aktuelle Podcast mit Jörg Kundrath hat mich wirklich berührt; Danke für den Impuls zum Reflektieren.
    Herzliche Grüße
    Matthias

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