“Die geilste Lücke im Lebenslauf” – Interview mit Nick Martin

Nick Martin Die geilste Lücke im Lebenslauf

Folge: 10

In Folge 10 spreche ich mit Nick Martin. Er schmiss vor einigen Jahren seinen Job hin, um auf Weltreise zu gehen. Auf seinen ganzen Reisen erlebte Nick eine ganze Menge. Aus den Erlebnissen entwickelte er eine erfolgreiche Bühnenshow und mit “Die geilste Lücke im Lebenslauf” ein absolut lesenswertes Buch. Die abenteuerliche Geschichte erzählt Nick im Interview.
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Inhalt

Eher zufällig hörte ich mir im Sommer das Hörbuch von “Die geilste Lücke im Lebenslauf” an, das Nick auch selbst eingesprochen hat. Das lebendige Hörbuch hat mich so begeistert, dass ich unbedingt ein Interview mit Nick machen wollte. Er sagte auch sofort zu und das Interview ist ein schöner Jahresausklang von “Mehr Mut zum Glück”. Mittlerweile habe ich auch das Buch nochmal gelesen und da gibt es nochmal ganz viele Reisefotos, die einem die Erlebnisse näher bringen.

Im Gespräch sprechen wir über seine Job-Kündigung, Travel-University, Reisestrapazen, Geld, den Einfluss der Corona-Krise auf seine Bühnenshow und die größten Learnings, die Nick von seinen Reisen mitgenommen hat.

Shownotes Nick Martin

Zusammenfassung des Interviews

Was bedeutet Dir Glück?

Wenn Vorbereitung auf Gelegenheit trifft. Viele nennen das ja dann „Glück“, aber es ist aus meiner Sicht vor allem die Vorbereitung in einer Thematik. Je mehr du mit Leidenschaft dabei bist und Wissen aufbaust, desto mehr Gelegenheiten werden sich auch ergeben.

Du warst 2009 in einem dreiwöchigen Urlaub in Neuseeland. Was hat dieser Urlaub in Dir bewirkt?

In diesem Backpacker-Urlaub habe ich mich entschlossen auf Weltreise zu gehen. Ich saß abends mit einigen Weltreisenden am Lagerfeuer und staunte über die Geschichten. Ich war total im Moment während ich in Deutschland gedanklich ständig in der Zukunft oder Vergangenheit war.

Nick Martin
Fotocredit Ronny Barthel _ der Socialmediafotograf

Was lief denn im Job als IT-Systemkaufmann schief, dass Du danach an einem normalen Arbeitsleben gezweifelt hast?

Es lag nicht am Job sondern an mir. Es war in einem „Zwischengefühl“ – das abklingende Hoch von Neuseeland und das Wochenend-Hoch – als ich mir mein Leben bis ich 55 sein würde mit der aktuellen Karriere ausmalte. Plötzlich hatte ich Angst vor diesem 55-jährigen Nick und erkannte, dass es so viel mehr gibt als eine Büro-Karriere und materiellen Besitz. Ich wollte die Welt sehen!

Hattest Du vor Deiner Kündigung keine Angst vor der Rentenlücke, vor dem Verständnis von Familie, Freunden, der Karriere und der Zukunft?

Doch, das war alles nicht einfach und ich habe viel Gegenwind bekommen. In solchen Momenten bin ich dankbar für mein Bauchgefühl und meine Intuition. Eine Weltreise zu machen steht in Kontrast zu den Glaubenssätzen der deutschen Gesellschaft, insbesondere der Generation meiner Eltern, zu sparen und für schlechte Zeiten vorzusorgen. Aber diese Glaubenssätze sollten nicht meine Entscheidungen beeinflussen.

Wie hast du deine Weltreise finanziert?

Ich hatte mir ausgerechnet wie viel Geld ich für 365 Tage brauchen würde: 25 Euro am Tag, also 9125 Euro. Mein Kontostand zeigte aber nur ca. 3500 Euro. Ich setzte also alle Hebel in Bewegung, um an mehr Geld zu kommen. Neben dem Job fing ich an in einer Bar zu arbeiten, alte Sachen habe ich auf ebay verkauft. Letztendlich hatte ich mein Ziel erreicht und bin mit 9200 Euro losgereist.

Mit einem One-Way-Ticket nach Mexiko startete dann die erste Weltreise. Mit welchen Gefühlen bist Du sie angetreten und welche Wünsche hattest Du an Dein Nomadenleben?

Damals hatte ich noch nicht so die Weitsicht – es war so ein bisschen wie Weihnachten, da zählt nur der Moment. Ich habe es genossen außerhalb meiner Komfortzone unterwegs zu sein. Tag für Tag mit Neugierde neuen Herausforderungen begegnen, hat mir unwahrscheinlich viel Energie gegeben.

Mir fällt noch eine Geschichte aus deinem Buch ein: Beim Trampen hast Du sogar mal Geld für ein paar Bier bekommen – und das sogar in Mexiko, oder?

Ja, ich war sehr inspiriert von dem Fahrer, einem älteren Herrn, und dachte, so entspannt und herzlich möchte ich auch mal sein. Am Schluss meinte er, er finde es toll was ich mache und hat mir Geld für ein paar Bier gegeben.

In San Francisco bist Du sogar komplett ohne Geld ausgekommen. Wie kam das?

Ich hatte mir neben meinem normalen Konto ein Reisekonto mit Kreditkarte eingerichtet. Meine Eltern bekamen eine Vollmacht, um mir bei Bedarf Geld auf das Reisekonto zu überweisen, was nach 3 Monaten das erste Mal der Fall war. Leider hatten meine Eltern zu oft das falsche Passwort eingegeben und damit meine Konten eingefroren und so stand ich ohne Cash da!

Ich sage immer „Das Leben findet außerhalb deiner Komfortzone statt“. Wie es der Zufall wollte, saß ich am selben Abend in einer Jury eines Catwalks und bekam kostenlos Schlafplatz und Essen.

Nick Martin Luca König - Fotograf
Fotocredit Luca König

Ein Zitat aus dem Buch lautet: „Es braucht manchmal unangenehme oder schwer zu ertragende Situationen, die einen erkennen lassen, wer man eigentlich ist.“ Hast Du mittlerweile rausgefunden, wer Du bist?

Ja und Nein. Das Reisen ist aus meiner Sicht die beste Universität des Lebens, weil man über seine Grenzen hinauswächst. Hätte mir jemand vor 10 Jahren gesagt, dass ich statt einem sechs Jahre auf Weltreise bin, ein Buch schreiben werde und heute tausende Menschen inspiriere, hätte ich gesagt der spinnt.

Gab es denn besonders prägende Erlebnisse auf Deinen Reisen, die auch Deinen weiteren Weg beeinflusst haben?

  • Als ich auf einer Wanderung völlig ausgehungert nur noch ein Stück Brot und Zwiebel dabei hatte, ist mir bewusst geworden in welchem Überfluss wir leben. Seitdem gibt es bei mir keine Reste mehr und ich kaufe viel bewusster ein.
  • Auf einem Segelboot im Hurrikan hatte ich wirklich Todesangst. In dem Moment ist dir alles andere egal. Dieses Erlebnis hat den Begriff „Sicherheit“ für mich neu definiert und ich gehe viel gelassener durchs Leben.

In Australien hast Du teilweise 2 Jobs an einem Tag gemacht und viel Geld verdient. Wie wichtig war diese Episode für Dich?

Es waren zwischenzeitlich sogar 5 Jobs gleichzeitig. In Australien habe ich gemerkt dass ich länger Reisen möchte, als nur ein Jahr. Also habe ich meine Prioritäten umgemünzt und in Australien gearbeitet statt zu Reisen. Auch wenn ich 15-17 Stunden gearbeitet habe, hat es sich nicht wie Arbeit sondern nach Freiheit angefühlt – denn ich wusste wofür ich es mache. Nach 3 Monaten hatte ich 12.000 Euro zusammen.

Nach 2 Jahren bist Du das erste Mal wieder nach Hause gekommen. Wie war das für Dich? Konntest Du Dich wieder integrieren?

Ich hatte ca. 4 Monate eine Post-Reise-Depression. Erst als ich nach Hause gekommen bin, habe ich gemerkt wie sehr ich mich verändert hatte. Es hat sich für mich nicht richtig angefühlt wieder ins „System“ einzusteigen.

Nick Martin: Mit Freundin auf Reisen

Danach bist du wieder mehrere Jahre auf Reisen gegangen? Kam da irgendwann die Reisemüdigkeit?

Doch klar, ich nenne das den „Travel Blues“. Ich vergleiche das mit einem Schwamm. Der kann viel aufsaugen aber irgendwann ist der voll. Auf der zweiten großen Reise haben ich und meine Freundin in Ecuador für 7 Wochen „Urlaub von Urlaub“ gemacht. Irgendwann hatte ich aber wieder „Hummeln im Hintern“ und es ging weiter!

Du hast ja einen neuen Beruf für Dich selbst entwickelt. Wie kam das zustande? Hattest Du keine Lust Dir einen normalen Job zu suchen?

Zuerst hatte ich mich auf einen Job in der Schweiz beworben, als Reise-Journalist und wurde genommen. So hab ich das erste Mal begriffen, dass ich mit meinen Erfahrungen Geld verdienen kann. Nach und nach kamen dann kleine und größere Bühnen-Auftritte dazu.

Für mich fühlt sich das was ich tue ehrlich gesagt total normal an. Wenn man einmal Blut geleckt hat und merkt, dass man mit dem was einem begeistert, Menschen inspirieren und damit sogar noch seine Brötchen verdienen kann, bleibt man dabei.

Wie gehst Du damit um, dass Veranstaltungen durch das Corona-Virus nicht mehr in der Form möglich sind? Wie verdienst Du jetzt Dein Geld?

Für 2020 hatte ich eigentlich ein ganz neues Bühnenprogramm geplant. Mir hat es das Vertrauen und auch ein Stück weit die Hoffnung genommen an der Regierung. Ich bin glücklicherweise nicht komplett auf die Veranstaltungen angewiesen, sondern habe noch das Buch und meine Plattform.

Mir ist es wichtig mich auf die Sachen zu konzentrieren, die ich selbst beeinflussen und verändern kann anstatt in eine Opfer-Rolle zu verfallen.

Sollte es 2021 weiterhin Lockdowns geben, könnte ich mir vorstellen ein Live-Streaming-Format zu entwickeln, z.B. über Twitch oder Zoom, oder an meinem zweiten Buch zu schreiben.

Fotocredit Nick Martin
Fotocredit Nick Martin

Zum Abschluss würde ich gern noch das obligatorische Wordshuffle machen. Ich nenne Dir unterschiedliche Begriffe und Du sagst, was Dir dazu einfällt.

Las Vegas

Stripper, Once-in-a-Lifetime-Experience und Freude fürs Leben.

Ayahuasca

Im Norden von Peru habe ich eine Ayahuasca-Zeremonie mitgemacht. Das ist ein bewusstseinserweiterndes Fördermittel, welches von Naturvölkern angewendet wird. Man muss es selbst mal erlebt haben.

Lebenslauf

Die geilste Lücke ever. Für mich ist es unglaublich was in den letzten 10 Jahren alles passiert ist.

Reisekrankheiten

Lebensmittelvergiftungen gehören definitiv zum Reisen dazu. Aber Mut heißt, Angst zu haben und es trotzdem zu machen.

Lieblingsland

Ist ganz schwer zu sagen. Es kommt nicht auf das Land, sondern auf die Abenteuer und die Menschen an. Wenn ich es kategorisieren müsste, würde ich sagen: Die besten Strände gibt es auf den Fidschi-Inseln, Philippinen und Sansibar. Die schönste Natur in Kanada, Argentinien, Peru, Bolivien, Vietnam und USA. Das beste Essen in Mexiko, Thailand und Indien. Den besten Lifestyle in Australien. Und der meiste Spaß in den USA – hauptsächlich bedingt durch Las Vegas und Seattle.

Freundschaften

Viele denken dass man auf Reisen nur oberflächliche Bekanntschaften macht. Das ist sicher oft der Fall aber nicht immer. Ich habe einige tiefe Freundschaften auf Reisen aufgebaut, die ich immer mal wieder treffe.

Kuba

Kuba ist noch sehr stark von dem Sozialismus geprägt. Man kommt schwerer an die Menschen ran als in anderen Ländern. Auch das Essen ist sehr spartanisch und echt nicht gut. Das ist für mich schon wichtig, dass ich mich in einem Land wohl fühle.

Zukunft

Spannend, ich freu mich einfach drauf. Man kann das das Leben nur vorwärts leben und nur rückwärts verstehen. Die letzten 10 Jahre haben mir gezeigt, dass es für mich keinen Sinn macht einen Plan zu haben, eine Vision allerdings schon.

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