Götz Nitsche: Weltenbummler, Buchautor und der ewige Kampf zwischen Kopf und Herz

Folge: 45

Nach dem Studium die Koffer packen, mit einem 80-Dollar-Fahrrad Neuseeland umrunden und nebenher einen Roman schreiben – klingt nach einem Abenteuerroman. Bei Götz Nitsche war es der echte Lebensweg. Der Elektrotechnik-Ingenieur, Buchautor und KI-Programmierer aus München hat seinen Platz in der Gesellschaft nicht im Hörsaal oder im Büro gefunden, sondern auf Schotterpisten, in Stundenhotels ohne fließendes Wasser und an schwarzen Sandstränden Neuseelands – allein, mit einem Zelt und genug Zeit zum Nachdenken.

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Wer ist Götz Nitsche?

Götz Nitsche ist Buchautor, KI-Programmierer und Weltenbummler aus München. Er studierte Elektrotechnik an der Universität – und merkte nach dem Abschluss schnell, dass ihn das Berufsleben als Ingenieur kaum reizte. Statt direkt ins Büroleben einzusteigen, sparte er während des Studiums auf eine Weltreise, die ihn über Mittel- und Südamerika, Panama, Bolivien und schließlich nach Neuseeland führte – wo er auf einem gebrauchten Fahrrad für 80 Dollar beide Inseln umrundete.

Aus dieser Reise entstanden zwei Bücher: „Wegwollen” (2016, Self-Publishing), eine Coming-of-Age-Geschichte mit autobiografischem Hintergrund, und „Bonusland – Ein Mann, ein Rad, eine Sehnsucht” (2019, Conbook Verlag), das die Radreise durch Neuseeland beschreibt. Heute lebt Götz mit seiner Frau, einer fünfjährigen Tochter und einem zweieinhalbjährigen Sohn in München, arbeitet als Programmierer im Bereich künstliche Intelligenz – und schreibt an seinem dritten Roman.

Götz Nitsche Bonusland Neuseeland Strand mit Fahrrad
Kurze Pause für Götz an einem der für Neuseeland typischen Strände

Bonusland: Mit dem Fahrrad durch Neuseeland

Wenn Du die letzten Folgen von “Mehr Mut zum Glück” gehört hast, weißt Du, dass ich etwas mit Götz gemeinsam habe. Auch ich bin nach dem Studium für ein paar Monate nach Neuseeland gegangen. Dort bin ich zwar nicht mit dem Fahrrad gefahren, aber ich war auch auf der Suche nach dem “Wie geht es weiter?” und “Wo will ich eigentlich hin?”. 

Im Interview sprechen wir ausführlich über die spannenden Reisen von Götz und was daraus er für das Leben mitgenommen hat. Und es geht auch darum, wie man mit der Ungewissheit umgeht, die das Leben immer wieder mit sich bringt.

Shownotes Götz Nitsche

Was bedeutet Glück?

Götz Nitsche ist kein Mann der schnellen Antworten – und das macht seine Antwort auf die Glücksfrage besonders ehrlich:

„Glück ist so ein bisschen eine ewige Jagd. Ich bin jetzt vielleicht kein geeigneter Life-Coach, der gleich ein Rezept zum Glücklichsein raushaut. Ich bin quasi so ein Ewigsuchender.”

Statt Glück jagt er heute lieber Zufriedenheit – ein Wort, das für ihn greifbarer ist als das Instagramisierte Hochgefühl auf dem Berggipfel:

„Glück ist etwas, was so hoch hängt, dass es schwierig ist, sich daran in dieser Instagram-Welt zu messen. Das Wort Zufriedenheit – eine Grundzufriedenheit – ist eher das, was ich jagen sollte.”

Das Thema zieht sich durch sein gesamtes Leben: Kopf gegen Herz, Vernunft gegen Sehnsucht, Alltag gegen Aufbruch.

Mit 16 nach Neuseeland – und nie wieder ganz zurückgekehrt

Götz’ Verbindung zu Neuseeland begann nicht nach dem Studium, sondern mit 16 Jahren – als Austauschschüler in einer Maori-Community, weit weg von jedem europäischen Standard:

„Ich habe mir einen Bau-Container geteilt mit zwei meiner Gastbrüder und einem 2-Kubikmeter-Gefrierfach, wo Emu-Fleisch drin war. Das war hochspannend, aber auch sehr fordernd für einen 16-Jährigen. Als ich da ankam, musste ich mir ein paar Tränen unterdrücken.”

Den 11. September 2001 erlebte er live in Neuseeland – in einem Land, das er sich irrtümlicherweise tropisch vorgestellt hatte. Die Rückkehr: ein Jugendlicher, der plötzlich mehr Energie hatte als alle anderen und sich im Sportunterricht von der Sprungschanze stürzte, als wäre Neuseeland noch nicht weit genug weg gewesen.

Die Weltreise: Gepäck in Mexiko, Stundenhotel in Honduras, Surfcamp in Panama

Nach dem Studium war klar: eine Weltreise muss her. Ein ganzes Jahr. Budget: minimal. Komfort: optional. Der Start lief konsequent chaotisch – Gepäck in El Salvador verloren, Kreditkarte nicht funktionsfähig, Laptop irgendwo in Mexiko:

„Ich hatte nicht mal eine Kreditkarte. Ich glaube, die war, soweit ich weiß, konnte ich nicht mal bezahlen.”

Das Hostel ließ ihn trotzdem bleiben und wartete. In Honduras folgte die nächste Lektion: ein autistischer Junge führte ihn an ein Stundenhotel ohne Licht, ohne fließendes Wasser, mit Ratten in den Regentonnen:

„Ich dachte: das ist halt auch Teil meiner Geschichte, da muss ich jetzt durch. Und man könnte sowas bereuen – aber das sind die besten Geschichten.”

In Panama ergatterte er per E-Mail einen Job als Surfguide auf einer einsamen Insel – bis sein eigenes Surfbrett ihm den halben Schneidezahn abbrach. Ein panamaischer Zahnarzt setzte für 60 Dollar eine Plastikkrone ein, ausdrücklich gedacht für „zwei Wochen Urlaub”. Götz hatte noch elf Monate vor sich. Den Rest des Jahres biss er nicht mehr vorne in den Apfel.

Neuseeland mit dem Fahrrad: 80 Dollar, 35 Kilo, Magie

In Bolivien traf Götz eine Entscheidung, die Neuseeland zu seinem Bonusland machen sollte: statt westwärts weiterzufliegen, kaufte er ein Fahrrad für 80 Dollar, ein viel zu schweres Zelt aus Metall und radelte mit 35 Kilo Gepäck los.

„Ich habe sehr schnell gemerkt, dass Neuseeland ein sehr hügeliges Land ist, was mir vorher im Auto nie aufgefallen war.”

Allein, weil er es nicht anders wollte:

„Gerade wenn es schwer ist im Sattel, wenn der Wind kommt – dann ist es besser, wenn ich mit mir alleine bin und mich selber verfluche.”

Das Fahren in der Gruppe war nie eine echte Option. Götz braucht die Einsamkeit, um in den Moment zu kommen. Sein schönster Beweis dafür: ein alter Mann am Straßenrand, 40 Kilometer von der nächsten Asphaltstraße entfernt, der auf seine Frage nach dem Strand nur sagte: „Es ist schön friedlich hier, nicht wahr?” – und ihn danach auf Tee in seiner Einfahrt einlud.

„Ich glaube, das erlebt man alleine. Man wird auch mal zu zweit eingeladen, klar – aber man hat halt irgendwie dann auch einen Plan, weiterzufahren. Für mich hat es einen Riesenunterschied gemacht.”

Am Ende dieser Begegnung fand Götz einen Tunnel, per Hand vor 120 Jahren gegraben, der auf einen schwarzen Sandstrand an der Westküste führte. Allein, Sonnenuntergang, ein bisschen Musik. Sein erstes Bonuslevel.

„Bonusland”: Vom Selbstverlag zum echten Verlag

Sein erstes Buch „Wegwollen” schrieb Götz während der Weltreise – aus dem Bedürfnis heraus, den Kopf zu beschäftigen und seinen Traum vom Schreiben nicht zu verschieben. Die Agentursuche nach der Rückkehr: ernüchternd, aber lehrreich. Ein konstruktives Feedback einer guten Agentur, das er erst Jahre später richtig verstand:

„Ich habe dann selbst sofort erkannt, warum es abgelehnt wurde. Weil es einfach ein bisschen naiv war zu glauben, ich schreibe gleich die Blechtrommel.”

Das Buch erschien im Self-Publishing, fand über Leserunden und Rezensionen sein Publikum – und bereitete den Weg für „Bonusland”, das 2019 beim Conbook Verlag erschien. Diesmal: sofort einen Agenten gefunden, sofort einen Verlag. Sein Agent war trotzdem ehrlich:

„Wenn du noch im Bestseller landen willst in Reiseliteratur, dann musst du nach einer Beinamutation an den Südpol humpeln. Einfach nur als jemand, der Ende 20 ist mit dem Fahrrad durch Neuseeland – das wird kein Bestseller, quasi per Definition nicht.”

Es wurde kein Bestseller. Aber es lief – weil Götz eine Nische bediente, die funktioniert: Neuseeland als deutsches Sehnsuchtsziel, Radwandern als Dauerthema, und eine ehrliche Selbstfindungsgeschichte, die keine Antworten vortäuscht.

Akupunktur, KI und der dritte Roman

Die Suche nach dem richtigen Lebensweg hörte nach der Weltreise nicht auf. Götz versuchte klassische Elektrotechnik – passte nicht. Dann der Plan: Heilpraktiker und Akupunktur-Therapeut werden. Drei Jahre Ausbildung, zweimal durch die schriftliche Prüfung, zweimal an der mündlichen gescheitert. Dann Corona. Plan verworfen.

„Das Thema der Suche des Glücks ist bei mir immer noch so ein bisschen da.”

Heute programmiert er im Bereich künstliche Intelligenz – und schreibt an seinem dritten Buch. Kein Reiseroman diesmal, sondern eine Dramedy über zwei Menschen, die sich bei einem Selbstmordversuch kennenlernen und sich auf skurrile Weise gegenseitig helfen:

„Eine sehr tragische Geschichte, sehr witzig erzählt. Und ich hoffe, dass es mir gelingt, dass ich dann an den wichtigen Stellen auch ernst klinge.”

Der größte Schlüssel zum Glück: Gelassenheit

Was hat Götz Nitsche aus einer Weltreise, zwei Büchern, einem gescheiterten Medizinstudium und einem KI-Job mitgenommen?

„Ich glaube, der größte Schlüssel zum Glück ist Gelassenheit. Dass man sich nicht zu viele Gedanken macht. Die inspirierendsten Menschen, die ich in Neuseeland kennengelernt habe, waren einfach tiefenentspannt.”

Für ihn als geborenen Kopfmenschen – naturwissenschaftlich geprägt, logisch bis in die Knochen – ist Gelassenheit kein Zustand, sondern eine tägliche Übung. Yoga hilft. Die Erinnerung daran, dass die Kinder auch mal ruhig werden. Und die bewusste Entscheidung, den Moment zu genießen, den man hat – statt dem nachzutrauern, den man gerade nicht haben kann.

Wordshuffle: Götz Nitsche in Schlagworten

  • Pauschaltouristen – „Seitdem ich Kinder habe, verteufle ich Pauschaltouristen nicht mehr. Aber individuell reisen finde ich doch wesentlich aufregender.”

  • Neuseeländische Toiletten – „Sehr lobenswert. In jedem kleinen Örtchen gibt es eine saubere öffentliche Toilette. Einmal am Tag kommt man daran vorbei. Das war Gold wert.”

  • Panama – „Löst sehr viele Erinnerungen in mir aus. Surfcamp auf einer einsamen Insel, zwei linke Hände beim Aufbauen, dafür jeden Tag mit den Touristen raus surfen – und dann das Surfbrett in den Schneidezahn. Beste Geschichten.”

  • CO2-Guthaben – „Ich war dreimal in Neuseeland. Ich habe mein CO2-Guthaben für 50 Jahre aufgebraucht. Ich bin seit fünf Jahren nicht mehr geflogen. Das ist ein echtes Dilemma als Reisebuchautor.”

  • Familie – „Habe ich endlich. Das war für mich nie verhandelbar. Und trotzdem muss ich mir täglich bewusst machen, dass ich diese Phase genieße – und nicht dem hinterhertreibe, was ich gerade nicht erleben kann.”

  • Mut – „Ein bisschen eingeschlafen, ehrlich gesagt. Als junger Mensch war er selbstverständlich. Heute ist es ein Abwägen: will ich gerade mutig sein oder bin ich zufrieden mit dem, was ich habe? Bewusste Entscheidungen erfordern immer Mut.”

Zurück ins Leben finden


FAQs zu Götz Nitsche

Wer ist Götz Nitsche?
Götz Nitsche ist Buchautor, KI-Programmierer und Weltenbummler aus München. Nach seinem Elektrotechnik-Studium bereiste er ein Jahr lang Mittelamerika und Neuseeland, umrundete beide Inseln mit dem Fahrrad und verarbeitete seine Erlebnisse in zwei Büchern. Heute lebt er mit seiner Familie in München und arbeitet im Bereich künstliche Intelligenz.

Was ist das Buch „Bonusland” von Götz Nitsche?
„Bonusland – Ein Mann, ein Rad, eine Sehnsucht” (Conbook Verlag, 2019) beschreibt Götz Nitsche’s Radreise durch Neuseeland nach seinem Studium. Es ist zugleich Reisebuch und Selbstfindungsgeschichte – mit Fragen nach dem Sinn des Lebens, nach Gelassenheit und danach, was ein gutes Leben ausmacht.

Warum heißt das Buch „Bonusland”?
Der Name stammt von einem magischen Moment auf der Radreise: ein handgegrabener Tunnel führte Götz auf einen schwarzen Sandstrand an der Westküste Neuseelands – völlig allein, wie ein Bonuslevel in einem Videospiel. Das Bild blieb: Neuseeland als Bonusland, als unerwartete Zugabe zum Leben.

Was hat Götz Nitsche aus seiner Weltreise mitgenommen?
Götz Nitsche hat vor allem Gelassenheit mitgenommen – die Erkenntnis, dass die inspirierendsten Menschen tiefenentspannt sind. Und die Erkenntnis, dass ein „durchschnittliches Leben in Deutschland” keineswegs eine Niederlage ist, sondern eine bewusste Entscheidung, die täglich neu getroffen werden kann.

Schreibt Götz Nitsche noch Bücher?
Ja. Götz Nitsche arbeitet an seinem dritten Roman – einer Dramedy über zwei Menschen, die sich bei einem Selbstmordversuch kennenlernen. Es wird kein Reisebuch, sondern eine Coming-of-Age-Geschichte, die schwere Themen mit viel Humor erzählt.

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