Berufswechsel mit 40: Wie Kathrin Martin nach zwei Burnouts zur Tischlermeisterin wurde

Folge: 12

Zwei Burnouts. Ein Aufhebungsvertrag. Und dann: eine Ausbildungsbank mit 20-Jährigen, die sie partout nicht duzen wollten. Kathrin Martin war 17 Jahre Unternehmensberaterin – bis ihr Körper zweimal Stopp sagte. Heute ist sie Tischlermeisterin, Geschäftsführerin ihrer eigenen Möbelmanufaktur in Frankfurt und lebt den Beweis dafür, dass ein kompletter beruflicher Neustart mit 40 nicht nur möglich, sondern manchmal die einzig richtige Entscheidung ist. Im Gespräch bei „Mehr Mut zum Glück” erzählt sie, wie es wirklich war – und was andere daraus lernen können.

Inhalt

Podcast auf allen Plattformen

Hier findest du “Mehr Mut zum Glück” auf allen Plattformen zum Download

Überblick Interview Katrin Martin

Mit dieser Podcast-Folge gehe ich zurück zu meinen Anfängen als Podcaster. 2015 hörte ich häufig den Glückfinder-Podcast von Andreas Gregori. In Folge 25 war er dann auch in einem Mixtape-Interview im Finanzrocker-Podcast zu hören. Wir unterhielten uns dort über die wirklich sehr spannenden Geschichten seiner Gäste. Eine davon: Die Geschichte von Tischlerin Kathrin Martin.
Seitdem stand Kathrin Martin auf meiner Liste für Wunschgäste im Podcast. Fünf Jahre lang hat es thematisch nicht gepasst, aber für “Mehr Mut zum Glück” ist es die perfekte Geschichte.
Kathrin erzählt im Interview über ihre Arbeit als Unternehmensberaterin, wie es zu den Burnouts kam und warum sie dann mit knapp 40 eine handwerkliche Ausbildung begonnen hat.
Darüber hinaus sprechen wir über ihren Weg zur Tischlermeisterin, welchen Einfluss Corona auf ihr Geschäft hatte und warum es richtig sein kann, seine Karriere mit 40 nochmal ohne Theater neu zu starten.
Eine Zusammenfassung des Gesprächs findest du weiter unten.

Weitere Infos

Zusammenfassung Interview mit Kathrin Martin

Aktualisiert im Mai 2026

Was bedeutet Glück?

Für Kathrin Martin ist Glück keine große Theorie – sondern etwas sehr Konkretes und oft Kleines:

„Glück sind oft die kleinen Dinge. Gerade lernen wir das Beste aus dem zu machen, was wir haben. Große Pläne sind zu weit weg.”

Eine Haltung, die sich durch ihre gesamte Geschichte zieht: Nicht auf den perfekten Moment warten, sondern mit dem arbeiten, was da ist.

17 Jahre Unternehmensberatung – und die heimliche Liebe galt der Chirurgie

Kathrin Martin hat BWL studiert – aber schon während des Studiums war ihr klar, dass die Betriebswirtschaft nicht ihr Herzensthema war:

„Selbst während meines BWL-Studiums war kein Job im BWL-Bereich mein Traumjob, sondern die heimliche Liebe lag eher im Bereich Medizin und Chirurgie.”

Trotzdem landete sie nach dem Studium bei einer großen Unternehmensberatung. Was sie dort erwartete, überraschte sie: Statt Prozesse zu analysieren und zu optimieren, musste sie zunächst programmieren lernen. Der Job war abwechslungsreich – aber er war nicht ihrer. 17 Jahre lang arbeitete sie dort. Und die hohe Belastung hinterließ Spuren.

Zwei Burnouts: Was wirklich passiert ist

Der erste Burnout kam, der erste Versuch zurückzukehren auch – und dann der zweite:

„Das Problem war, dass ich zu lange mit Widerwillen an einer Sache gearbeitet habe, an der gar nicht mein Herz hing. Der Burnout hat sich in totaler Erschöpfung gezeigt.”

Nach dem ersten Burnout glaubte Kathrin, es reiche, ein paar Wochen auszuruhen. Sie kehrte zurück – und kurze Zeit später kam der zweite, deutlich härtere Einschlag. Diesmal mit Klinikaufenthalt:

„Beim zweiten Burnout habe ich verstanden, dass ich mir ernsthaften Schaden zufüge, wenn ich so weiter mache.”

Das Unternehmen zog die Konsequenzen: Ein Aufhebungsvertrag wurde angeboten – und angenommen. Kathrin beschreibt diesen Moment ohne Bitterkeit:

„Im Grunde wurde mir die Entscheidung abgenommen.”

Die ersten Monate danach nutzte sie bewusst: runterkommen, NLP-Kurse, Gesangskurse, spannende Menschen treffen. Kein sofortiger Plan. Erst Raum.

Beruflicher Neustart mit 40: Wie Kathrin zur Tischlerin wurde

Dass Kathrins Leidenschaft im Handwerk lag, wusste sie schon lange – aber ein inneres Dogma hatte sie aufgehalten:

„In meinem Kopf hatte ich immer das Dogma, dass ich eine lange Schreiner-Ausbildung machen müsste, bevor ich damit eine Selbstständigkeit aufbauen kann. Nach etwas tieferer Recherche und Gesprächen mit der Handwerkskammer stellte ich fest, dass es doch einfacher geht.”

Die Entscheidung, mit über 40 eine Ausbildung zu beginnen, war nicht das Ergebnis eines langen Businessplans. Sie war das Ergebnis von Mut – und familiärer Rückendeckung:

„Hätte ich das ordentlich durchgerechnet, wäre es wohl nicht dazu gekommen. Ich hatte die volle Unterstützung von meinem Mann.”

Als Jahrgangsbeste durch die Ausbildung – mit über 40

Kathrin drückte 18 Monate lang die Schulbank – mit Azubis, die teils halb so alt waren wie sie. Die Dynamik war alles andere als trocken:

„Alles zwischen lustig und extrem frustrierend. Wir sind super miteinander klargekommen. Zwei der jungen Männer haben es bis zum Schluss nicht hinbekommen, mich beim Vornamen zu nennen und zu duzen.”

Am Ende schloss sie als Jahrgangsbeste ab. Und der nächste Schritt war bereits vereinbart: direkter Einstieg in die Geschäftsleitung des Ausbildungsbetriebs.

Von der Lehre zur Geschäftsführerin: Schneller Aufstieg durch Brückenkompetenz

Was Kathrins Weg so besonders macht: Sie brachte aus 17 Jahren Unternehmensberatung Kompetenzen mit, die im Handwerksbetrieb Gold wert waren.

„In den letzten Jahren der Unternehmensberatung hatte ich mich auf Prozess- und Projektmanagement spezialisiert. In einem Handwerkerbetrieb passiert das alles auf einer viel kleineren Ebene – aber mein betriebswirtschaftliches Denken hat sehr geholfen, zu erkennen, welche Projekte sich finanziell lohnen.”

Als sie im Betrieb Dinge modernisieren wollte und auf Widerstand stieß, zog sie die logische Konsequenz: Meisterprüfung ablegen, eigene Firma gründen. Eine andere Schreinerei suchte zeitgleich aus Altersgründen einen Nachfolger – Kathrin übernahm sie als alleinige Geschäftsführerin. Heute ist die Feinschliff Möbelmanufaktur eine spezialisierte Möbelschreinerei im Rhein-Main-Gebiet.

Berufswechsel mit 40: Was wirklich funktioniert – und was nicht

Kathrin kennt beide Seiten: den Mut, der nötig ist – und die Überraschungen, die trotzdem kommen:

„Was ich zu Beginn unterschätzt habe: Als Geschäftsführerin sitzt man ja doch viel am Schreibtisch und wenig an der Werkbank. Das, warum ich diese Umstellung gemacht habe, kam ziemlich kurz. Also habe ich eine Person eingestellt, die mich im Büro unterstützt, damit ich ein bis zwei Tage an der Werkbank stehen kann.”

Ihre Do’s und Don’ts für alle, die über einen beruflichen Neustart mit 40 nachdenken:

Das funktioniert:

  • Das neue Tätigkeitsfeld vorher in der Freizeit testen – Kathrin hatte Tischlern schon vor der Ausbildung geliebt

  • Familie einbinden und ehrlich über finanzielle Realität sprechen

  • Bestehende Stärken als Brücke nutzen – nicht alles neu lernen müssen

  • Klein anfangen, Schritt für Schritt – kein perfekter Masterplan nötig

Was nicht funktioniert:

  • Alles durchrechnen, bevor man anfängt: „Hätte ich das ordentlich durchgerechnet, wäre es wohl nicht dazu gekommen.”

  • Erwarten, sofort im Traumjob anzukommen – auch dort gibt es Bürokratie und Schreibtischarbeit

Und auf den häufigsten Einwand – „Mit 40 lohnt sich das doch nicht mehr” – hat Kathrin eine klare Antwort:

„Wenn man davon ausgeht, dass viele nach dem Studium erst Mitte 20 ins Berufsleben starten, hat man mit 40 ja nicht mal die Hälfte der Berufszeit rum. Es war für mich undenkbar, mindestens die gleiche Zeit in einem Umfeld zu verharren, das mir keine Freude bereitet.”

Was Kathrin übers Geld und Sicherheit gelernt hat

Ein Satz aus dem Gespräch, der viele Ängste vor dem Sprung relativiert:

„Ich habe bei der Umstellung festgestellt, wie wenig Geld ich wirklich brauche, um ein anständiges Leben zu führen.”

Und zum Thema Sicherheitsnetz:

„Im schlimmsten Fall fahre ich Pizza aus – mir doch egal. Arbeit gibt es an jeder Ecke.”

Das klingt locker – ist aber eine ernst gemeinte Haltung: Wer weiß, dass er notfalls auch anders überleben kann, trifft mutigere Entscheidungen.

Wordshuffle: Kathrin Martin in Schlagworten

  • Feinschliff – „Dinge, die eh schon gut sind, noch den letzten Pfiff geben – der dann den Unterschied macht.”

  • Mut – „Mut ist einer der wichtigsten Eigenschaften, um voranzukommen. Mut zur Veränderung, Mut was Neues auszuprobieren, Mut auch mal zu scheitern. Mut ist die Voraussetzung für Entwicklung.”

  • Geld – „Nicht entscheidend, wie gut es einem geht. Aber wenn’s knapp ist, merkt man, wie viel Beruhigung es schenken kann.”

  • Zukunft – „Extrem spannend, vor allem weil gerade so vieles auf den Kopf gestellt wird. Ich schaue nur nach vorne.”

  • Verantwortung – „Ich plädiere für mehr Eigenverantwortung – bei den Jungen in der Tischlerei und bei mir selbst.”

  • Frankfurt – „Liebe auf den dritten Blick. Der Main, der Taunus, das Rheintal – mittlerweile habe ich so viele Ecken zu schätzen gelernt.”


FAQs: Berufswechsel mit 40

Kann man mit 40 noch eine Ausbildung machen?
Ja – es gibt keine Altersobergrenze für eine Berufsausbildung in Deutschland. Kathrin Martin schloss ihre Tischlerausbildung mit über 40 Jahren als Jahrgangsbeste ab und stieg danach direkt in die Geschäftsführung ein. Wichtig: Gespräch mit der zuständigen Handwerkskammer lohnt sich früh – oft gibt es kürzere Wege als erwartet.

Was tun nach einem Burnout mit 40?
Zuerst wirklich erholen – nicht nach sechs Wochen wieder einsteigen (Kathrins erster Fehler). Dann den Blick weiten: Was hat mir früher Freude gemacht? Was habe ich in der Freizeit immer geliebt? Oft liegt die Antwort nicht weit – aber man muss ihr Raum geben.

Wie starte ich einen beruflichen Neustart mit 40?
Kathrin empfiehlt: Das neue Feld vorher in der Freizeit testen, familiäre Rückendeckung sichern, nicht alles durchrechnen – und akzeptieren, dass es die ersten Jahre finanziell enger werden kann. Durchhaltevermögen, Neugier und ein grober Plan reichen als Grundausstattung.

Brauche ich den Meisterbrief für eine eigene Schreinerei?
Für viele handwerkliche Tätigkeiten ist der Meisterbrief in Deutschland Pflicht, wenn man einen Betrieb gründen möchte. Kathrin hat den Meister abgelegt, um ihre eigene Firma zu gründen und Auszubildende ausbilden zu dürfen.

Wie lange dauert eine Tischlerausbildung für Quereinsteiger?
Regulär drei Jahre – bei nachgewiesenen Vorkenntnissen oder abgeschlossenem Studium ist eine Verkürzung auf zwei Jahre möglich. Kathrin absolvierte die Ausbildung in 18 Monaten.

Weitere Interviews über Mut, Neustart und Veränderung

3 Kommentare

  1. Hi Daniel!

    Danke für die sehr inspirierende Folge und die Einblicke in den Lebensweg von Kathrin. Finde es bewundernswert und konsequent, sich nochmal komplett neu zu orientieren. Vor allem beglückwünsche ich sie, diese weitreichende Entscheidung getroffen zu haben, von fremd- zu selbstbestimmt. Im Interview sprach sie ja den Wunsch in jungen Jahren vom Medizinstudium an, der durch die Empfehlung “Was ordentliches zu machen” fallen gelassen wurde.

    Hilfreich war bei Kathrin sicher der solide Unterbau mit dem Wissen aus dem Studium und der Erfahrung als Unternehmensberaterin. Gleichzeitig hat sie einen markanten Punkt angesprochen. Wenn man durch Konsumgewohnheiten und abzuleistende Kredite zu viele Verpflichtungen zu bedienen hat, lässt sich solch eine Option nur schwerlich ziehen.

    Beste Grüße

    Mark

  2. Hallo Daniel,

    ich frage mich, ob möglicherweise ein technisches Problem bei der Einbindung des Podcastspielers besteht? In dem grauen Kasten zwichen Zusammenfassung und Inhalt befindet sich nur ein Link zur Datenschutzerklärung von Podigee, aber nicht wie vermutlich beabsichtigt der Player.

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert

Weitere Podcast Folgen

In Folge 3 von “Mehr Mut zum Glück” interviewe ich den ehemaligen Fernsehproduzenten, Zauberer und Unternehmer Uwe von Grafenstein. Er bewies in seinem Leben schon viel Mut zum Glück und erzählt darüber in dieser Podcastfolge. Ich spreche mit ihm über die Wichtigkeit von Zauberei im Leben, wieso materielle Dinge für ihn immer unwichtiger werden und warum eine Happylist im Leben so wichtig sein kann.
Burnout, eine fast tödliche Blinddarmentzündung, der Tod des Vaters und ein Erdbeben in Nepal – Tanja Hummel brauchte mehr als einen Schicksalsschlag, bevor sie ihr Leben grundlegend umkrempelte. Die Psychologin und Therapeutin aus dem Ruhrgebiet packte Mitte 40 die Koffer, verkaufte Praxis, Yoga-Studio und Auto – und begann auf Bali ein neues Leben. Heute begleitet sie Frauen online aus Ubud heraus und hat auf Bali auch ihren Ehemann gefunden.