“Vom geplatzten Traumberuf über den zweiten Bildungsweg zur Ärztin” – Interview mit Silke Rosenbusch

Folge: 17

Silke Rosenbusch ging Ende der neunziger Jahren auf eine renommierte Schauspielschule. Nach dem Ende der Ausbildung ging Kirch Media pleite und das änderte für Schauspieler:innen eine ganze Menge. Silke schlitterte in die Privatinsolvenz, arbeitete in schlecht bezahlten Nebenjobs und zog 2009 einen Schlussstrich. Sie holte ihr Abitur nach und studierte Medizin. Heute arbeitet sie beim Gesundheitsamt als Ärztin. Ihre Geschichte erzählt sie bei “Mehr Mut zum Glück”.
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Inhalt

Überblick Silke Rosenbusch

Heute habe ich Silke Rosenbusch bei “Mehr Mut zum Glück” zu Gast. Sie hört schon seit längerer Zeit meine Podcasts und hat sich nach dem MMzG- Interview mit der Tischlerin Kathrin Martin bei mir gemeldet. In ihrer Mail hat sie ihren schwierigen und langwierigen Lebensweg geschildert, der wirklich gut zu „Mehr Mut zum Glück“ passt.

In der Mail hat Silke auch von der Gemeinsamkeit mit der Vorliebe für die Band Bon Jovi geschrieben. Für mich persönlich spielt die Musik von Bon Jovi eine sehr wichtige Rolle, da ich 1995 mein allererstes Konzert mit 15 besuchte. Das waren Bon Jovi in der Berliner Waldbühne. Ein Jahr später fuhr ich dann mit 16 in 24 Stunden einmal nach Köln und zurück, nur um Bon Jovi nochmal zu sehen. Daraus entstand dann meine Leidenschaft für Rock, Heavy Metal und natürlich auch Konzert- und Festivalreisen. Silke war auch auf dieser Bon Jovi-Tour und erzählt im Wordshuffle mehr darüber.

Im Interview selbst erzählt Silke von ihrem Leben als Schauspielerin, der Privatinsolvenz in jungen Jahren, das Platzen der Träume und wie sie es geschafft hat, jetzt mit über 40 Ärztin zu werden. Ihre Geschichte passt meiner Meinung nach perfekt zu „Mehr Mut zum Glück“, weil sie zeigt, dass Rückschläge zum Leben dazu gehören und man es trotz aller Widrigkeiten schaffen kann, das Beste daraus zu machen. Jetzt wünsche ich Dir viel Spaß beim Interview mit Silke.

Shownotes Silke Rosenbusch

Zusammenfassung des Interviews

Was bedeutet Dir persönlich Glück?

Ich glaube alle Optionen zu haben und in meinem Leben das machen zu können, was ich machen möchte. Und dazu braucht man eben ein paar Dinge, Geld, Zeit, Freiheit und Möglichkeiten.

Welchen Berufstraum hattest Du als Jugendliche?

Erst Sängerin und dann Hollywood-Star beziehungsweise Schauspieler.

Du hast dann eine Ausbildung auf einer Schauspielschule gemacht. Was hast Du da mitgenommen?

Nach dem Fachabitur habe ich ein Jahr im Staatstheater Osnabrück gearbeitet. Anschließend bin ich dann auf eine Schauspielschule in Köln gegangen.

Von der Zeit auf der Schauspielschule habe ich sehr viel mitgenommen! Wie andere Menschen ticken, wie ich so ticke, was uns alles verbindet. Bei jedem Charakter habe ich mich gefragt, was der Zuschauer davon in sich hat, was uns dadurch verbindet? Wie kann ich das transportieren?

Nach der Ausbildung hattest Du vermutlich große Träume und Ziele. Wann hattest Du Deinen Job nach der Ausbildung?

Nach der Ausbildung bin ich auf Tournee gegangen. Ich hab für anderthalb Jahre Jugendtournee-Theater gemacht. Wir haben in verschiedenen Schulen ein Stück über Rassismus aufgeführt, was von Kommunengeldern finanziert wurde.

Anschließend habe ich viele Bewerbungen geschrieben, aber lange nichts gefunden. Damals so 2001/2002 ging der Medienkonzern KirchMedia Pleite. Das hat damals eine Art Panik in der Branche ausgelöst. Man hat sich nicht mehr getraut viel Geld für Content im Fernsehen auszugeben und Schauspieler kosten nun mal Geld. Zu der Zeit kamen Talkshows und Serien wie Big Brother ganz groß raus, weil sich das günstig produzieren ließ.

Du hast verschiedene Rollen im Theater und bei Filmen, aber wie lässt sich damit das Leben finanzieren?

Die wenigen Schauspiel-Jobs, die ich gefunden hatte, haben schon gutes Geld eingebracht, aber die musste ich eben erstmal finden. Ich musste ständig mit Jobs überbrücken, für die ich nichts gelernt hatte und damals gab es noch keinen Mindestlohn.

Es war also immer knapp, aber dann musste ich sogar Privatinsolvenz anmelden.

Die folgenden Jahre habe ich also hauptsächlich gejobbt und vielleicht so 1000 Euro im Monat verdient mit einem 35 Stundenjob. Ich habe sehr minimalistisch, in verschiedenen WGs gelebt, nie Urlaub gemacht.

Wann hast Du das erste Mal darüber nachgedacht, Dein Leben komplett umzukrempeln, weil es keinen Sinn mehr ergibt?

So 2009 wurde mir dann klar, dass ich so nicht ewig weitermachen kann. Ich hab mich dann umgesehen, was mich sonst interessieren würde, und wo man mehr als 1000 Euro im Monat verdient. Das waren alles Tätigkeiten, die ein Hochschulstudium erfordern. Anfang 30 hab ich dann beschlossen, mein Abitur nachzuholen.

Wie schwer ist es Dir gefallen, mit über 30 noch einmal etwas komplett Neues zu machen und den Schauspiel-Job an den Nagel zu hängen?

Ich hab das nie an den Nagel gehängt! Ich hatte mir nur gesagt, wenn es bis 30 nicht wirklich läuft, mache ich was anderes. Aber ich habe immer noch nebenher Rollen im Theater oder Reality-TV angenommen. So konnte ich mich immer noch als Schauspieler fühlen.

2011 hast Du dann angefangen Medizin zu studieren. Wie hast Du das finanziert?

Wenn man in Deutschland seine Hochschulzugangsberechtigung über 30 erhält, ist man Bafög-berechtigt. Ich hab damals den Höchstsatz von 730 Euro bekommen plus 450 Euro Nebenjob.

Im letzten Jahr hast Du Dein Studium beendet und Anfang 2021 einen Job beim Gesundheitsamt in Köln bekommen. Bist Du da endlich auf Deiner langen Berufsreise angekommen?

Sein Medizin-Studium während der Corona-Zeit zu beenden, ist vielleicht nicht die beste Zeit. Aber es gibt nach wie vor einen hoher Bedarf an Ärzten, vor allem auf dem Land.

Beim Gesundheitsamt habe ich im Indexmanagement gearbeitet, wo wir Menschen kontaktiert und nach ihren Kontaktdaten gefragt haben, die positiv auf Corona getestet wurden. Das hat mich ein bisschen an meine Call-Center-Zeit zurückerinnert, allerdings wurde ich zum Arztgehalt bezahlt und konnte eigenverantwortlich handeln – das war schon cool!

Ob ich angekommen bin? Naja, es gibt ja noch den Facharzt und den Oberarzt…

Aber der Weg ist das Ziel und ich weiß jetzt schon, dass ich nicht wie ein klassischer Arzt 70 Stunden arbeiten möchte bis zum Burnout. Ich möchte mit den richtigen Menschen zusammenarbeiten und in der richtigen Klinik.

Den Facharzt zu machen dauert 5 Jahre, wenn man es in Teilzeit macht, entsprechend länger. Also ist mein Ziel so in 10-12 Jahren meinen Facharzt zu haben. Aber vielleicht ändert sich dieses Ziel auch nochmal.

Jetzt wo wir das Interview führen, bist Du gerade in den Mutterschutz gegangen. Das Thema Familiengründung musstest Du vorher aufgrund Deiner schwierigen Jobsituation immer wieder aufschieben, oder?

Ja schon, außer ich hätte mir einen reichen Mann geangelt, aber das war auch nicht mein Stil. Tatsächlich bin ich jetzt erst mit über 40 schwanger geworden.

Parallel zum Studium hast Du Dir einen Blog und einen YouTube-Channel aufgebaut. Um was geht es da?

Um die optimale Ernährung für Homo Sapiens. Auch aktuelle Studien die rauskommen zu bestimmten Krankheitsbildern, die immer wieder das bestätigen was ich sowieso sage. Dann wie ich mich in der Schwangerschaft ernähre, Zuschauerfragen beantworten und so weiter.

Da verdiene ich ein bisschen was mit den Werbeeinblendungen bei YouTube und meinem Online-Kurs über Ess-Sucht. Der Online-Kurs kostet 300 Euro und ich begleite 3 Mal im Jahr maximal 10 Teilnehmer, also unter meiner Führung findet das statt.

Im Februar 2021 hast Du mit „Raus aus der Esslust-Falle“ sogar Dein erstes Buch über den Humboldt-Verlag veröffentlicht. Was ist denn die Esslust-Falle? Ging damit ein Traum in Erfüllung?

Das war sogar mein eigentlicher Traumberuf damals. Ich dachte: Jetzt studiere ich Medizin, dann weiß ich, wie das mit der Ernährung wirklich funktioniert und dann schreibe ich Bücher. Ich hatte dann das Glück „aus Versehen“ den richtigen Verlag anzuschreiben, der direkt zugesagt hatte.

Die Esslust-Falle ist, wenn man isst, weil man schlechte Gefühle wegmachen will. Oder weil man einfach nicht mehr aufhören kann, zum Beispiel, wenn man ne Tafel Schokolade aufmacht.

Das industrielle Essen regt genauso unser Belohnungssystem an, wie es Drogen und Stimulanzien tun.

Manche, ich nenne das „Pegel-Esser“, brauchen das morgens, mittags, abends, um über den Tag zu kommen. Und dann gibt es die „Binge-Eater“, die das alle paar Wochen mal machen, weil sie gerade Emotionen haben, mit denen sie anders nicht klarkommen.

53% der Deutschen sind übergewichtig und mehr oder weniger von der Esssucht-Falle betroffen. Wenn man mehr und mehr Lebensmittel isst, die das Belohnungssystem nicht so anregen, dann reguliert sich das wieder: Man hat keinen Kontrollverlust beim Essen und isst nicht mehr die ganze Zeit das Falsche.

Ich habe festgestellt, nach 4 Tagen der Abstinenz von der „Drogennahrung“ sind die Gelüste danach weg. Dann ist man frei davon.

Ein Schlüsselmoment, war als mal ein Patient mit entartetem Blutzuckerspiegel eingeliefert wurde. Dem haben wir dann eine mehrwöchige Therapie vorgeschlagen mit rein pflanzlicher, fettarmer Nahrung. Der ist richtig in Tränen ausgebrochen bei der Vorstellung. So kam ich erst darauf was dieses Essen mit unserem Belohnungssystem anstellt.

Viele Therapeuten gehen so vor, dass sie zuerst die Gefühle bearbeiten wollen. Wir wissen aus der Suchtmedizin aber, dass das nicht geht. Wir müssen erst die Droge weglassen, um überhaupt Zugang zu den Gefühlen zu bekommen.

Wie bewertest Du denn heute Deine Karriere? Gibt es einen Punkt an dem Du etwas anders gemacht hättest oder würdest Du es heute nochmal genau so machen?

Ich hätte viele Dinge mit Anfang 20 anders gemacht, wenn ich es damals besser gewusst hätte. Nach einer staatlichen Schauspielschule hast du definitiv bessere Chancen auf dem Markt.

Ich wollte mir den Stress damals ersparen, weil sich da tausende bewerben und ca. 10 genommen werden und viele durch ganz Deutschland touren, um endlich auf einer Schule angenommen zu werden. Ich weiß aber auch nicht, ob ich die „Eier“ gehabt hätte, so viel Ablehnung einzustecken. 

Würdest du sagen dass du mit deinen Entscheidungen über deinen doch teilweise abenteuerlichen Weg glücklich bist? Hat der Weg zum Glück stattgefunden?

Ja. Wobei die hedonistische Tretmühle immer eine Rolle spielt. Ich glaube wir erleben mehr Glück, wenn wir nicht zu exzessiv versuchen das Glück zu leben. Das mache ich mit dem Essen ja auch. Wenn man ein bisschen unter der absoluten Befriedigung drunter bleibt, bisschen bescheiden, minimalistisch, frugalistisch, dann erlebt man mehr Glück.

Aus wissenschaftlicher Sicht weiß ich aber, dass Ziele durchaus glücklich machen. Ich führe auch jeden Morgen ein Journal nach Julia Cameron, dass sich übersetzt „Morgenseiten“ nennt. Das mache ich jeden Morgen nach einem Dankbarkeitsritual, was auch glücklich macht.

Es hat etwa ein halbes Jahr gedauert bis ich diesen Ritus drin hatte. Man muss so eine „Eigennähe“ entwickeln, dass man wirklich einen Zugang zu seinem Inneren gewinnt und ehrlich zu sich selbst ist. Mittlerweile ist mir das die liebste Zeit des Tages.

Welche Zukunftsziele hast Du für die nächsten 3 bis 5 Jahre?

Ich will während der Elternzeit meine Doktorarbeit beenden. Und ich will auch noch ein zweites Buch schreiben über Ernährung in Schwangerschaft und Stillzeit. Danach würde ich gerne in Teilzeit eine Assistenzarzt-Stelle anfangen.

Zum Abschluss würde ich gern noch das obligatorische Wordshuffle machen. Ich nenne Dir unterschiedliche Begriffe und Du sagst, was Dir dazu einfällt.

Bon Jovi

Coolste Band der Welt! Dazu habe ich eine Geschichte: Ich hatte damals die Idee, mich in die besten Hotels der jeweiligen Konzertstadt einzumieten, in der Hoffnung dass die Band dort auch ist und ich ein Autogramm oder so erhaschen kann.

Das hat dann in Berlin sogar geklappt. Ich hatte den Backstage-Pass von Jon Bon Jovis Sohn auf dem Hotelflur gefunden. Dann hatte ich mich in die Hotel-Lobby gesetzt und gegen 2 Uhr nachts kam die Band tatsächlich an. Ich nahm meinen gesamten „Mut zum Glück“ zusammen und sprach die Band an „I found something you might need“. Und so verbrachten wir noch ein paar Stunden in der Hotelbar. Definitiv eines der aufregendsten Momente meines Lebens!

Veränderung

Ist erschreckend, aber oft auch notwendig und es gehen auch immer neue Hoffnungen einher. Ich bin ehrlich gesagt verhältnismäßig veränderungsscheu.

Hollywood

Das ist der schönste Fleck der Welt. Dort habe ich immer das Gefühl „Alles ist möglich“. Das habe ich in Köln nicht.

Mut

Ich bin nicht der Meinung, dass ich viel Mut habe, auch wenn andere dass über mich sagen. Wenn ich „mutig“ bin, ist das aus der Not geboren. Ich hatte mehr Angst vor der Alternative. Mutig zu sein, war dann leichter.

Tischlerin

Mein Vater ist Tischlermeister mit eigener Firma. Ich war das älteste Kind und weiblich. Er war frustriert, dass er keinen Erben hat, aber auch weil das für mich keine Option war.

Bei den Interviews in deinem Podcast kam es mir vor, dass die Frauen, dass als etwas sehr Kreatives und ein bisschen wie „Basteln“ wahrnehmen. Mein Vater hat das völlig anders gesehen. Für eine Polizeistation hat er beispielswese 3000 Meter Fußzeilen gemacht. Das war in erster Linie Fleißarbeit.

Bucket List

Habe ich nicht! Weiß auch nicht, ich glaube ich brauche das nicht als Anker für meine Ziele – die habe ich auf meinen Morgenseiten. Aber so „typische“ Bucket List Ziele wären bei mir: Doktortitel erreichen, in Kalifornien überwintern, einen Song aufnehmen – das mit dem Kinderwunsch habe ich ja schon erreicht!

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