Dr. Albert Kitzler: Was wir von der antiken Philosophie fürs Leben lernen können

Folge: 57

Was bedeutet ein gutes Leben wirklich? Nicht Erfolg, nicht Besitz – sondern innere Stimmigkeit, Seelenruhe und Freiheit von Angst. Im Interview mit Dr. Albert Kitzler bei „Mehr Mut zum Glück” erklärt der Philosoph, wie antike Philosophie im Alltag hilft, innere Ruhe zu finden, Stress zu reduzieren und Krisen gelassen zu bewältigen. Dieses Gespräch ist keine Theorie – sondern philosophische Lebenspraxis.

Inhalt

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Wer ist Dr. Albert Kitzler?

Dr. Albert Kitzler – auch bekannt als Dr. Albert KitzlerDr.Albert Kitzler oder einfach Albert Kitzler – ist Philosoph, Buchautor, Podcaster und Gründer der Schule „Maß und Mitte” für antike Lebensweise. Er lebt im Voralpengebiet in Bayern, in der Nähe von Reit im Winkl.

Sein Werdegang ist alles andere als geradlinig: Nach einem Doppelstudium in Jura und Philosophie in Freiburg arbeitete er zunächst als Anwalt in einer Kanzlei, bevor ihn die Leidenschaft für Film in die Filmproduktion zog. Als Filmproduzent realisierte er über 20 Arthouse-Filme – darunter den Kurzfilm „Schwarzfahrer” (Regie: Pepe Dankwart), der 1994 den Oscar gewann: der dritte Oscar überhaupt für einen deutschen Film. Mit ca. 45 Jahren vollzog er die entscheidende Wende zurück zur Philosophie, gründete 2011 die Schule „Maß und Mitte” und arbeitet seither als Vollphilosoph.

„Ich bin glücklich, dass ich so wieder in meine Mitte gekommen bin und das tue, was ich am besten kann.”

Shownotes

Philosophie mit 16 – und ein langer Umweg

Mit 16 Jahren las Albert Kitzler das Buch „Die großen Denker” – und war sofort fasziniert, vor allem von Sokrates:

„Da ist ein Mensch ganz unabhängig, geht seinen eigenen Weg, lässt sich durch nichts verführen, nichts verbiegen – einfach Freude am Denken, Freude am Erkennen, heiter und zugewandt, immer neugierig.”

Trotzdem studierte er auf Rat eines Freundes lieber Jura – Philosophie könne man nicht davon leben. Er ergänzte das Studium dann doch um Philosophie, lehnte sogar ein Angebot ab, am Heidegger-Lehrstuhl zu bleiben – zu muffig, zu theoretisch, zu weit von der Lebenspraxis entfernt.

Was folgte: vier Jahre Anwalt in Freiburg, eine Südamerika-Reise als Selbstfindungsreise, zwölf Jahre als Filmproduzent in München. Parallel dazu las er abends und im Urlaub weiter Philosophiebücher. Die Leidenschaft war nie weg – sie wartete nur. Erst mit etwa 45 Jahren zog er die Reißleine, jobbte als Medienanwalt auf Stundenbasis um seinen Lebensunterhalt zu sichern, und widmete den Rest seiner Zeit intensiven philosophischen Studien.

Antike Philosophie im Alltag – warum sie heute wieder relevant ist

Albert Kitzler ist überzeugt: Alles, was wir für ein gutes Leben brauchen, wurde in der Antike bereits formuliert – von Sokrates, Seneca, Epiktet, Buddha, Konfuzius und anderen. Das Verblüffende: Diese Denker hatten keinen Kontakt miteinander, kamen aus völlig verschiedenen Kulturen – und kamen trotzdem zu fast identischen Antworten auf die Frage, wie Leben gelingen kann.

„Alles, was wir für ein gutes Leben brauchen, wurde bereits in der Antike klar, tief und praktisch formuliert.”

Genau diese gemeinsame Schnittmenge hat er in seiner Schule und seinen Büchern zusammengefasst. Nicht als akademische Theorie, sondern als gelebte Praxis.

Stoizismus im modernen Leben – wie Gelassenheit entsteht

Ein zentrales stoisches Prinzip, das Albert Kitzler im Interview erklärt: die Unterscheidung zwischen dem, was in unserer Macht liegt, und dem, was nicht. Weltpolitik, Krisen, äußere Umstände – das alles liegt außerhalb unseres Einflussbereichs. Unsere Haltung dazu liegt in unserer Hand.

Seneca bringt es auf den Punkt – Albert Kitzler zitiert ihn direkt:

„Das Schicksal hat keine langen Arme. Es erreicht keinen, es überwältigt keinen, der sich nicht an es klammert.”

Auf Krisen wie Corona, Krieg in der Ukraine oder wirtschaftliche Unsicherheit angesprochen, sagt Albert Kitzler klar: Er hört täglich Nachrichten, informiert sich – aber lässt sich davon in keiner Weise beunruhigen.

Maß und Mitte: Philosophische Lebenspraxis statt Theorie

Mit „Maß und Mitte” hat Albert Kitzler eine Schule gegründet, in der antike Philosophie praktisch erfahrbar wird. Seminare, philosophische Urlaube, Matineen – seit 2011, seit 2016/17 kann er sich davon ernähren. Der Podcast „Der Pudel und der Kern”, den er gemeinsam mit seinem Nachbarn Jan Liepold moderiert, entstand aus einem langen Gespräch nach Liepolds Herzstillstand im Park nebenan.

„Philosophie besteht aus zwei Teilen: etwas erkennen – und es dann umsetzen im Leben.” (Seneca, zitiert von Kitzler)

Der Podcast läuft mittlerweile seit über 150 Folgen und gehört regelmäßig zu den Top-3 der deutschsprachigen Philosophie-Podcasts.

„In der Zeit der Anwalterei, als Filmproduzent – habe ich diese Stimmigkeit so nicht erlebt. Erst jetzt, nach der Wiederbegegnung mit der Philosophie.”

Bauchspeicheldrüsenkrebs – als die Philosophie im Ernstfall hielt

Der eindrücklichste Teil des Gesprächs: Im Jahr 2017 bekam Albert Kitzler die Diagnose Bauchspeicheldrüsenkrebs – eine der schwersten Krebsarten überhaupt, mit sehr schlechter Prognose. Der Arzt sagte: 98–99 Prozent Wahrscheinlichkeit.

„Es dauerte nur eine Minute, wo ich beunruhigt war – dann habe ich das Schicksal angenommen. Und schon in der zweiten Minute dachte ich: Es funktioniert sogar im Ernstfall.”

Sieben Wochen lebte er mit dieser Diagnose, ruhiger als seine gesamte Umgebung. Er ließ die große Whipple-Operation über sich ergehen – eine der schwierigsten überhaupt, bei der Teile der Bauchspeicheldrüse und des Magens entfernt werden. Als das Ergebnis der Histologie kam, war das Ärzteteam fassungslos: kein Krebs. Fehldiagnose.

Was folgte, war allerdings nicht Erleichterung – sondern zweieinhalb Jahre körperliches und seelisches Leiden durch die Operationsfolgen. Die Rettung kam durch eine indische Atemübung von Sri Sri Ravi Shankar – interessanterweise dieselbe, über die Christoph Glaser in der Vorfolge gesprochen hatte.

„Nach zwei, drei Wochen bin ich aufgewacht und dachte: Ich bin gesund.”

Glück durch Genügsamkeit – warum weniger oft mehr ist

Auf die Frage nach seinen Wünschen für die Zukunft antwortet Albert Kitzler schlicht:

„In letzter Zeit fällt mir nur einer ein: Es soll so bleiben, wie es ist. Ich habe keinen Wunsch mehr, es fehlt nichts.”

Für ihn entsteht echtes Glück durch Genügsamkeit – gespeist aus drei Tugenden: Dankbarkeit, Bescheidenheit und Demut. Wer die Selbstverständlichkeiten des Alltags nicht mehr für selbstverständlich hält, wer sich an dem erfreut, was da ist – der hat laut Kitzler einen der wichtigsten Schritte zum guten Leben getan.

Philosophische Lebenspraxis – der Seelengarten

Albert Kitzler nutzt ein starkes Bild für die tägliche Arbeit an sich selbst:

„Ich spreche immer gerne vom Seelengarten – in den du jeden Tag reingehen musst und gucken, was die guten Pflanzen am Aufwachsen befördert und die schlechten entweder mit Wurzel rausreißt oder kurz hält. Und wenn der richtig schön blüht, dann ist ein Zustand erreicht, wo man sagt: Es ist schön, so wie ich lebe.”

Das bedeutet konkret: festgefahrene Muster im Denken, Handeln und Fühlen erkennen und Schritt für Schritt verändern. Nicht durch Einsicht allein – sondern durch Üben, Wiederholen, Einüben neuer Haltungen. Was die antike Philosophie „kognitive Umstrukturierung” nennt, heißt in der modernen Verhaltenstherapie genauso.

„Wir müssen unseren inneren Autopiloten neu trainieren.”

Was mich an diesem Gespräch am meisten beeindruckt hat: Albert Kitzler sitzt in Bayern, ist im Rentenalter, hat eine Krebsdiagnose überlebt, einen Oscar produziert und drei Karrieren hinter sich – und strahlt dabei eine Ruhe aus, die man nicht spielt. Die Philosophie ist bei ihm kein Beruf. Sie ist er selbst. Das merkt man in jedem Satz.

🎙️ Weitere inspirierende Interviews im Podcast

FAQs zu Dr. Albert Kitzler

Wer ist Dr. Albert Kitzler?

Dr. Albert Kitzler ist Philosoph, Buchautor und Gründer der Schule „Maß und Mitte” für antike Lebensweise in Bayern. Er studierte Jura und Philosophie in Freiburg, arbeitete als Anwalt und Filmproduzent und widmet sich seit ca. 2000 intensiv der praktischen Philosophie. Er lebt im Voralpengebiet nahe Reit im Winkl.

Was hat Dr. Albert Kitzler mit dem Oscar zu tun?

Albert Kitzler produzierte als Filmproduzent über 20 Arthouse-Filme. Der Kurzfilm „Schwarzfahrer” (1994, Regie: Pepe Dankwart) gewann den Oscar – damals der dritte Oscar für einen deutschen Film überhaupt.

Was ist die Schule „Maß und Mitte”?

„Maß und Mitte – Schule für antike Lebensweise” ist Albert Kitzlers 2011 gegründete Philosophieschule. Sie bietet Seminare, philosophische Urlaube und Matineen an, in denen antike Weisheiten praktisch angewendet werden. Zur Webseite

Was ist der Podcast „Der Pudel und der Kern”?

„Der Pudel und der Kern” ist ein Philosophie-Podcast von Dr. Albert Kitzler und Jan Liepold – regelmäßig unter den Top-3 der deutschsprachigen Philosophie-Podcasts. Das gleichnamige Buch zum Podcast ist bei Amazon erhältlich.
Was bedeutet „Kitzler Glück”?

Für Albert Kitzler ist Glück kein Zufallstreffer, sondern ein dauerhafter innerer Zustand: Seelenruhe, Authentizität und Freiheit von negativen Affekten wie Zorn, Neid und Angst. Er beschreibt es als „den guten Fluss des Lebens” – erreichbar für jeden, unabhängig von äußerem Erfolg oder Besitz.

2 Kommentare

  1. Um Minute 29 Sekunde 45 wird ein Yogi und dessen Atemübung erwähnt. Wie wird der Name geschrieben? Gerne auch ein Affiliatelink zum Buch 😉

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