“Beruflich sollten wir uns die Frage nach der Umsetzung eigener Werte stellen” – Interview mit Dr. Nico Tucher von WEtell

Folge: 24

Die Verwirklichung eigener Werte sollte auch im Berufsleben eine übergeordnete Rolle spielen. Es sollte nicht immer nur um die große Karriere und Reichtum gehen, sondern darum, wofür das eigene Herz brennt. Genau nach diesem Leitspruch gründete Dr. Nico Tucher gemeinsam mit anderen einen nachhaltigen Mobilfunkanbieter. Was dahinter steckt und wieso es dazu kam, erzählt er bei “Mehr Mut zum Glück”.
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Inhalt

Überblick Interview Dr. Nico Tucher

Die Gestaltung der eigenen Karriere und des eigenen Lebensentwurfs spielt bei “Mehr Mut zum Glück” immer eine große Rolle. Viele der Interviewgäste verzichten auf eine Karriere im herkömmlichen Sinne.

Mein heutiger Gast hat als promovierter Physiker auch auf eine Konzernkarriere verzichtet und ein eigenes Unternehmen nach seinen Überzeugungen in einer kleinen Nische mit aufgebaut.

Und damit heiße ich Dich herzlich Willkommen zu einer neuen Folge von “Mehr Mut zum Glück”. Mein Name ist Daniel Korth und ich habe heute Dr. Nico Tucher zu Gast. Er hat mit seiner Gründung eines nachhaltigen Mobilfunkanbieters Mut bewiesen und erzählt im Interview, wie es dazu kam und was das Thema Glück damit zu tun hat. 

Ich muss gestehen, dass ich das Thema nachhaltiger Mobilfunk überhaupt nicht auf dem Schirm hatte und gar nicht damit gerechnet habe, dass es so ein Unternehmen gibt. Im Gespräch erzählt Nico, warum er sich für diesen  Karriereweg entschied, welche Hürden er überwinden musste und welche Learnings er mitgenommen hat. 

Shownotes

Zusammenfassung des Interviews

Was bedeutet Dir persönlich Glück?

Glück ist für mich eng verbunden mit dem Begriff der Liebe. Also selbst zu lieben oder geliebt zu werden. Nicht nur die Liebe in der Partnerschaft, sondern auch zu Familie, Freunden oder die Liebe für eine bessere Welt.

Warum hast Du Dich für ein Physik-Studium entschieden?

Ich habe mich auf die Herausforderung gefreut und mir wurde gesagt, dass ich damit später viele offene Türen haben werde. Das hat mich dann überzeugt.

Nach dem Studium hattest Du einige interessante Angebote aus der Automobilindustrie. Warum hast du diese lukrativen Angebote nicht angenommen?

Das Ende des Studiums war ein entscheidender Moment. Denn ich hatte viele Angebote, aber habe mich gefragt, wofür mein Herz wirklich brennt. Und das ist nicht das Bauen neuer Autos, sondern ein Beitrag zur klimaneutralen Welt.

Was wolltest Du mit Deinem ersten Job erreichen? Welche Ziele hast Du verfolgt?

Mein erster Job war eine Promotionsstelle in Freiburg am Fraunhofer Institut für Solare Energiesysteme. Bei meiner Doktorarbeit ging es um Solarzellen-Entwicklung, also die Effizienz von Solarzellen zu steigern.

Mein Forschungsthema war die Optik: Wie kann man Solarzellen so bauen, dass die Effizienz über die Optik immer größer wird?

Du bist nebenbei Projektkoordinator bei Ingenieure ohne Grenzen. Was für Projekte koordinierst Du?

Bei Ingenieure ohne Grenzen geht es darum mit technischen Lösungen, soziale Projekte weltweit zu unterstützen. Beispielsweise haben wir eine Solar-Anlage auf einem Krankenhaus in Haiti gebaut oder für eine Schule in Nicaragua.

Ansonsten geben wir auch Deutschunterricht, damit Ingenieure, die aus dem Ausland nach Deutschland kommen, sich hier engagieren können. Ich selbst bin nicht im Ausland gewesen, sondern habe die Solar-Projekte von hier aus organisiert.

In diesem Podcast geht es ja auch um Mut und den hast du bewiesen als du selbst gegründet hast. Wieso bist du nicht einfach im Fraunhofer Institut geblieben bei einem sicheren Job? Wieso wolltest Du unbedingt selbst gründen?

Das war wieder eine der entscheidenden Momente wie nach dem Studium. Ich habe mir die Frage gestellt, was es am meisten braucht für eine klimaneutrale Welt. Das ist mittlerweile nicht mehr die Grundlagenforschung, denn Solarzellen und Windkraftanlagen sind mittlerweile effizient genug und auch günstig genug. Da gibt es andere Hebel.

Was es wirklich braucht ist ein Bewusstseinswandel und bessere Angebote. Also war das neu formulierte Ziel: Menschen mit Nachhaltigkeit auf eine positive Weise zu erreichen.

Die nächste Aufgabe war also: Wie können wir dieses Ziel „Menschen mit Nachhaltigkeit erreichen“ in ein Produkt übersetzen bzw. welches Produkt hätte das Potenzial da eine Wirkung zu entfalten?

Du hast Dich dann mit zwei KollegInnen zusammengeschlossen, um einen nachhaltigen Telefonanbieter zu gründen. Wie kommt man auf so eine Idee?

Uns ist aufgefallen, dass es schon bei sehr vielen Alltags-Produkten eine nachhaltige Variante gibt: Klamotten, Smartphones, Stromanbieter, Mail-Anbieter, Banking – aber einen komplett klimaneutralen Telefonanbieter gab es noch nicht.

Wir möchten auch im Bereich Mobilfunk das Narrativ brechen, dass es nachhaltig nicht funktionieren würde, so wie es schon in anderen Branchen funktioniert.

Nachdem wir ein erstes Produktportfolio fertig hatten, haben wir uns entschieden, das Ganze über Crowdfunding, die Plattform startnext.de, zu finanzieren und dort Gutscheine für verschiedene Monatspakete vorzuverkaufen. Die Kampagne war ein voller Erfolg – 6000 Menschen haben Gutscheine gekauft und so konnten wir auch Investoren überzeugen und haben ein EXIST-Gründerstipendium bekommen.

Inwiefern ist WeTell denn nachhaltig?

Nachhaltigkeit besteht ja aus verschiedenen Aspekten. Bei uns sind das: Datenschutz, Klimaneutralität sowie Fairness & Transparenz.

Beim Datenschutz versuchen wir so wenig Daten wie möglich zu erheben. Das fängt beim Tracking auf der Website an, beim E-Mail-Opt-in und geht beim Verfolgen von Telefonnummern weiter. Wir bewegen uns stets am unteren Ende der gesetzlichen Vorschriften.

WeTell ist komplett klimaneutral. Die Herstellung und der Betrieb der Masten, sowie alle weiteren Emissionen die durch die Mobilfunk-Nutzung oder Geschäftstätigkeiten entstehen, werden komplett ausgeglichen. Mit unserem Gewinn tragen wir außerdem zum Ausbau von nachhaltigen Energie-Anlagen bei, wie Solar- oder Windkraftanlagen.

In Puncto „Fairness und Transparenz“ achten wir auf einen wirklich guten Kundenservice. Die Leute sitzen alle in Freiburg und sind sehr gut ausgebildet in Mobilfunkfragen. Außerdem sind alle Tarife immer monatlich kündbar.

Eure Tarife sind deutlich teurer als die anderer Anbieter. Inwiefern leisten Eure Kunden denn einen Beitrag zur Nachhaltigkeit?

Wir sind vielleicht teurer als Discounter-Anbieter, aber definitiv nicht die teuersten. Preisführer werden wir mit unseren Preisen nicht, aber das ist ja auch nicht unser Ziel. Viele Kunden sind sogar eher überrascht, wenn wir aufzählen, was wir alles anbieten, dass die Preise verhältnismäßig günstig sind.

Wie sehen Deine Zukunftspläne aus? Wo möchtest Du mit WeTell in 5 Jahren stehen?

Der Gründungsprozess von WeTell ist mittlerweile abgeschlossen. Wir sind seit 1,5 Jahren am Markt und hier arbeiten 14 Leute, die alle normal verdienen, inklusive den Gründern.

Meine Zukunftspläne sind an unserem Motto ausgerichtet: Menschen mit Nachhaltigkeit erreichen und dafür begeistern. Das ist der Antreiber für alle Unternehmens-Entscheidungen und auch Kooperationen mit Partnern und anderen Unternehmen.

Wir wollen auch ein Positiv-Beispiel für weitere Branchen sein, wo es noch keinen nachhaltigen Anbieter gibt, beispielsweise Internet-Anbieter.

Zum Abschluss würde ich gern noch das obligatorische Wordshuffle machen. Ich nenne Dir unterschiedliche Begriffe und Du sagst, was Dir dazu einfällt.

Disruption

Braucht es unbedingt. Es braucht grundlegende Veränderungen in vielen Bereichen und Menschen, die sich das trauen. Allerdings geht es nicht um Disruption als Selbstzweck, sondern um die dahinterstehenden Werte.

E-Mobilität

Ein Bereich, in dem ich gar nicht so aktiv bin, aber der auch sehr wichtig ist. Die Biografie von Elon Musk ist sehr empfehlenswert zu lesen.

Coworking

Ist ein tolles Prinzip zum Netzwerken und Vorankommen, egal ob es um Website-Programmierung oder Finanzierung geht. Wir nutzen das auch mit WeTell. Mittlerweile gibt es mehrere Standorte in Freiburg und eine lebendige Coworking-Szene.

Familie

Ist ein ganz wichtiges Thema für mich. Ich bin Papa von zwei Kindern, 1,5 und 4 Jahre alt. Parallel zur Gründung natürlich auch herausfordernd, aber ich konnte dennoch Elternzeit nehmen und es ist alles weitergelaufen.

Verantwortungseigentum

Verantwortungseigentum ist eine Form, ein Unternehmen sich selbst zu übergeben. Hier gibt es 2 Prinzipien. Das erste ist, dass die Gewinne, die in einem Unternehmen erwirtschaftet werden, im Unternehmen bleiben und nicht privatisiert werden können, also nicht an Unternehmenseigentümer ausgezahlt werden.

Das zweite Prinzip ist, dass alle Entscheidungen, die in einem Unternehmen getroffen werden, von allen getroffen werden, die im Unternehmen sind. Durch diese beiden Prinzipien wird verhindert, dass sich Einzelne bereichern oder Investoren für kurzsichtige Entscheidungen sorgen.

Dadurch kann man erreichen, dass die Unternehmenswerte tatsächlich gelebt und umgesetzt werden. Wir werden nächstes Jahr das Unternehmen ins Verantwortungseigentum überführen.

Freiburg

Ich bin hier total gerne! Freiburg schätze ich für die Community, die sich für Nachhaltigkeit interessiert, aber auch die Natur außen rum und die Nähe zur Schweiz und Frankreich.

Schweden

Ich habe ein Jahr in Lunt in Schweden studiert und hab seit jeher eine Affinität zu diesem Land.

Mut

Mut ist eine Freude, wenn man ihn hat. Ich hab den auch nicht immer. Vor einigen Entscheidungen frage ich mich, wie würde mein vorsichtiges Ich entscheiden und wie würde das mutige Ich entscheiden?

Ich weiß manchmal nicht, was besser ist, aber versuche immer einen Schritt auf das mutige Ich zuzugehen. Um den Bogen zum Glück zu schließen: Ich glaube, dass man nur mit einem starken sozialen Netz, Mut aufbringen kann, weil man aus der Freude heraus handelt und nicht aus der Angst.

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Portraitfoto Erik Lorenz von Simon Ginceberg
Die Geschichte von Erik Lorenz ist sehr interessant. Vom Reisefieber gepackt reist er in jungen Jahren um die Welt und schreibt Bücher über seine Touren. Um den interessanten Menschen, die ihm auf den Reisen begegnet sind, Raum zu geben, gründet er den Weltwach-Podcast und interviewt sie. Mittlerweile lebt er selbst in Los Angeles und arbeitet von dort. Seine ganze Geschichte erzählt er in Folge 25 von “Mehr Mut zum Glück”.