“Aus Krisen können auch Chancen entstehen” – Interview mit dem Unternehmer David Zimmer

Folge: 11

Die Geschichte von David Zimmer ist anders als die der meisten Menschen. Mit 17 brach er die Schule nach einem Streit mit dem Direktor kurz vor dem Abitur ab. Damals war er schon Jungunternehmer mit den ersten Einnahmen. Mit 20 war David Zimmer pleite und mit 23 erkrankte er schwer. Von den ganzen Rückschlägen ließ er sich aber nicht unterkriegen und wurde zu einem der erfolgreichsten Gründer in Deutschland. Seine inspirierende Geschichte erzählt er in Folge 11 von “Mehr Mut zum Glück”.
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Inhalt

Überblick

Im Spätsommer 2020 hatte ich das Buch “Herzblut” von David Zimmer mit einer sehr netten Widmung im Briefkasten. Mittlerweile bekomme ich sehr viele Bücher zugeschickt und ich kannte David Zimmer bis zu dem Zeitpunkt nicht. Ich packte es zunächst auf meinen großen Bücherstapel.

Einige Wochen später fing ich aber an, “Herzblut” zu lesen. Innerhalb eines kurzen Zeitraums hatte ich die Biographie von David Zimmer durchgelesen und war begeistert. Die inspirierende Geschichte nimmt den Leser mit, lädt ihn zu aktiven Überlegungen ein und bleibt nachhaltig hängen. Das Ergebnis: Ich wollte unbedingt ein Interview für “Mehr Mut zum Glück” mit ihm führen. Er sagte auch gleich zu.

Im Interview sprechen wir über seinen Lebensweg, den Einfluss der Corona-Pandemie auf das Glasfaser-Business, die Führungs- und Gründungskultur in Deutschland und einiges mehr.

Shownotes David Zimmer

Zusammenfassung des Interviews

Welche Rolle spielt Glück in Deinem Leben?

Ich glaube Erfolg hat auf jeden Fall was mit Glück zu tun. Aber man muss das Glück auch herausfordern. Wer fleißig ist, der wird irgendwann auch mit Glück belohnt.

Du hast Dein Start-up Inexio für über eine Milliarde Euro an einen schwedischen Investor verkauft. Die meisten Hörerinnen und Hörer werden davon noch nie gehört haben. Was macht Inexio?

Wir sind ein Telekommunikationsanbieter und bauen Glasfasernetze, weil herkömmliche Kupferkabel oft einfach zu langsam sind. Unser Motto ist: „Wir bringen Glasfaser dorthin, wo die Menschen schon am längsten darauf warten. Das ist für uns eine Frage der Verantwortung.“

Viele ländliche Regionen sind noch nicht genug mit Glasfaser ausgestattet, dort setzen wir an. Wenn es wirtschaftlich grenzwertig wird, bekommen wir häufig Zuschüsse von den Kommunen.

Hat Inexio jetzt wegen corona-bedingten Home Office noch deutlich mehr zu tun?

Ja, durch das Home Office sind das Bewusstsein und der Bedarf für schnelles Internet deutlich gestiegen.

Dein Weg begann aber mit einem Schulabbruch. Magst Du kurz erklären, warum Du die Schule abgebrochen hast?

Ich war mit 16 bei einem Schüleraustausch auf einer Privatschule in den USA. Dort habe ich gesehen, was alles möglich ist durch individuelle Förderung und war danach etwas frustriert mit meiner Schule. Parallel hatte ich damals mein erstes Unternehmen gegründet und „musste“ dafür einige Male für
Kundentermine blau machen. Ca. 4 Monate vor dem Abitur ist dann ein Konflikt mit dem Schulleiter eskaliert und anschließend bin ich nicht mehr gekommen.

Du hast dann Dein erstes Unternehmen gegründet und warst relativ schnell pleite. Was ist damals passiert?

Nach den ersten Erfolgen sind wir zunehmend unvorsichtig geworden. Der Grund lag aber letztlich nicht im Unternehmen sondern war ein Familienkonflikt, der in das Unternehmen reingetragen wurde.

In jungen Jahren hattest Du auf einmal 750.000 Mark Schulden. Die meisten wären unter der Last zusammengebrochen. Wie hast Du das gelöst?

Auf der Gegenseite zu diesen Unternehmensschulden standen ja Vermögenswerte wie zufriedene Kunden mit denen wir weiter Geschäft gemacht und wieder alles aufbauten. Der Kern des Unternehmens hat also noch funktioniert.

Mit der Bank habe ich dann ein Konkursverfahren eingeleitet, wodurch wir wieder bessere Konditionen bekommen haben. Wir sind viel Personal und teure Büros losgeworden und haben erstmal auf Sparflame weiter gemacht. Die letzte Rate an Schulden habe ich 1998 abgezahlt, wobei eine gesunde Fremdkapitalrate in jedem Unternehmen seine wirtschaftliche Berechtigung hat.

Dann wurde bei Dir auch noch eine Krebserkrankung festgestellt. Wo hast Du zu dieser Zeit Optimismus hergeholt?

Der Optimismus rührt aus der Überzeugung, dass der einzige Weg immer nach vorne geht. Am schwierigsten war für mich eher mein Umfeld, die nicht wussten wie sie damit umgehen sollten.

Du bist dann für einige Monate in die USA gegangen und hast dort zufällig in der Bibliothek die Idee für Dein neues Business entdeckt. Wie kam das?

Ich brauchte nach der Krankheit einen Tapetenwechsel und bin in die USA gegangen. Weil ich Bücher liebe, habe ich dort in einer Universitätsbibliothek gestöbert und die Abschlussarbeit mit dem Titel „How to become your own ISP“ (Wie wird man sein eigener Internetprovider wird) gelesen.

Damals, 1996, war das Internet in Deutschland noch in den Kinderschuhen. Zurück in Deutschland habe ich meinen Bruder (mein damaliger Geschäftspartner) überredet mit mir einen Internetprovider aufzubauen, was den Grundstein für das heutige Unternehmen Inexio gelegt hat.

Foto David Zimmer Herzblut
Foto: David Zimmer

Saargate war danach ein voller Erfolg und Du hast es erfolgreich verkauft. Warum hat es mit der Angestelltenkarriere bei RWE danach nicht funktioniert?

So ein Konzern wie RWE bringt zum einen eine gewisse Stabilität, aber ich hatte kaum noch gestalterische Freiheit. Die Stärken, die den Status Quo erhalten und beschützen wollten waren vom Gefühl her größer als die unternehmerischen Kräfte der Kreativität und Veränderung. Irgendwann hab ich mich gefragt, ob ich mir das ganze bis zur Rente vorstellen kann. Eine Lehre aus der Krankheit war auch, dass ich nichts mehr mache werde wovon ich krank werde und die letzten Jahre war ich echt unglücklich im Job. Dieser Vorsatz gepaart mit dem Drang nach Freiheit hat mich dann zur Kündigung bewegt.

Wie kam es denn dann zur Gründung von Inexio 2009?

Im Prinzip haben wir bei RWE auch schon Glasfaser gemacht, allerdings mit angezogener Handbremse. Wir hatten das Konzept vom heutigen Inexio dann dem Aufsichtsrat vorgestellt, der sich aber vor der hohen Investition gescheut hat. Also war uns klar, dass wir die Idee innerhalb eines neuen Unternehmens umsetzen werden. RWE hat uns aber nicht so leicht gehen lassen und uns geschworen das Leben bzw. Geschäft schwer zu machen. Am Ende hat es dann aber doch geklappt und wir haben uns geeinigt.

Welches waren die ersten Ziele und Erfolge von Inexio?

Die ersten 2-3 Jahre war unser Ziel nicht Pleite zu gehen, bei 7 Millionen Euro Eigenkapital. Nachdem wir dann im dritten Jahr profitabel waren, kam eine Attitüde auf „ wir haben es geschafft“. Das Motivation profitabel zu sein und das „Feindbild RWE“ waren aufgebraucht und es musste eine größere Vision her.

Wir hatten bis 2020 das Ziel eine Verzwanzigfachung der Kundenzahlen zu erreichen, was wir kurz vorher erreicht haben.

Was waren aus Deiner Sicht die Elemente des Erfolges von Inexio?

Neben der klaren Vision ist eine gute Finanzierung wichtig – erst 2013 und 2016 hatten wir zwei Investoren aufgenommen. Ansonsten bilden engagierte Mitarbeiter und eine echte (!) Fehler-Kultur selbstverständlich das Fundament eines guten Unternehmens – so dass alle an einem Strang ziehen.

Jetzt hast du das Unternehmen verkauft. Kommt nun wieder eine neue Etappe oder gibt es noch weitere Ziele, die Du mit Inexio erreichen willst?

Bei der Verkaufsverhandlung haben wir direkt die neue Vision von Inexio mitverkauft: Die beiden deutschen Marktführer Inexio und Deutsche Glasfaser zu kombinieren. Das Ziel ist nach Telekom und Vodafone die Nummer 3 in der Telekommunikationsbranche in Deutschland zu werden.

Meine Rolle in der Unternehmensgruppe Deutsche-Glasfaser-Inexio ist der „Chief Integration Officer“ – also aus zwei Unternehmen eines zu machen.

Welche Deiner Charaktereigenschaften haben neben Optimismus und Eigenverantwortung noch zum Erfolg beigetragen?

Ich glaube drei Sachen: Überzeugtheit, Resilienz, Zielstrebigkeit bzw. Fokussiertheit.

Das ist immer ein schmaler Grat und kann teilweise auch als Rücksichtslosigkeit interpretiert werden. Ich habe aber immer danach gehandelt was das Beste für das Unternehmen ist und getan werden musste.

Zum Abschluss würde ich gern noch das obligatorische Wordshuffle machen.

Freiheit

Freiheit ist für mich der wichtigste Wert ohne den alles andere obsolet wird.

Käse-Staat

Ich hatte beim USA-Schüleraustausch damals die Wunschvorstellung nach Kalifornien zu gehen und ein Jahr auf dem Surfbrett zu verbringen. Stattdessen bin ich nach Wisconsin gekommen und habe dort vor allem Bauern und Kühe gesehen. Ich hatte aber wie gesagt das große Glück an die Privatschule zu kommen, was mich sehr geprägt hat und habe immer noch einen großen Freundeskreis in den USA. Die USA lebt in vielen Dingen Extreme, aber kann in einigen Aspekten Vorbild für Deutschland sein.

Zeit

Zeit ist Gleichmacher. Egal wie viel Geld du hast, alle haben die gleiche Zeit. Deswegen sollte man damit immer sorgsam umgehen und sie nicht verplempern.

Reichtum

Reichtum ist relativ, von daher ist es für mich auch kein Wert an sich, sondern ein Aggregatszustand.

Digitalisierung

Digitalisierung ist die größte Herausforderung, die ich für Deutschland sehe.

Kilimandscharo

Hat mich wieder Demut, die Bedeutung von Zielen, Komfortzone verlassen und Durchhaltevermögen ganz kondensiert in einer Woche gelehrt.

Saarland

Das ist meine Heimat, in der ich mich sehr wohlfühle. Außerdem wird dort der europäische Gedanke jeden Tag gelebt, weil Luxembourg, Frankreich und Deutschland direkt aneinandergrenzen.

Herzblut

Zu meiner 10- Jahres-Inexio-Rede habe ich das Wichtigste der Firma hervorgehoben: Herzblut. Das lebe ich meinen Mitarbeitern erfolgreich vor und das funktioniert besser als jedes Bonusprogramm!

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