Sabbatical abgelehnt, trotzdem nicht aufgegeben: Julia Kiefers Weg zu 1.000 Kilometern auf dem Pacific Crest Trail

Folge: 60

Sechs Monate frei. Thailand, Japan, Französisch-Polynesien, und dann fast 1.000 Kilometer zu Fuß durch die USA auf dem Pacific Crest Trail – mit 21 Kilo Rucksack, 39 Grad Hitze am Tag, einstelligen Minustemperaturen in der Nacht und einem Körper, der am Anfang schlicht nicht mitspielen wollte. Julia Kiefer aus Niedersachsen ist keine Profi-Abenteurerin. Sie ist Projektmanagerin in der Energieforschung, 36 Jahre alt, und hat sich nach Jahren des Wartens, einem verweigerten Sabbatical und einem toxischen Chefgespräch auf das gehört, was sie sich schon lange gewünscht hatte: die Reise ihres Lebens. Was daraus wurde, ist ehrlicher, schwieriger und schöner als jede Instagram-Postkarte.

Inhalt

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Wer ist Julia Kiefer?

Julia Kiefer hat Sportmanagement im Bachelor und einen generalistischen Master studiert, arbeitete danach in der Personaldienstleistung, dann als Accountmanagerin bei einem Ingenieursdienstleister in der Automobilbranche und ist seit über sechs Jahren an einem Institut für angewandte Forschung im Bereich regenerativer Energien in Niedersachsen tätig. Neben dem Job hat sie sich ein kleines Finanz-Portfolio aufgebaut, einen Partner, ein Haus – und den unbändigen Wunsch, die Welt länger und tiefer zu erleben als drei Wochen Jahresurlaub erlauben. Im Frühjahr 2024 hat sie diesen Wunsch endlich umgesetzt.

Shownotes

Was bedeutet Glück?

Julias Antwort auf die Glücksfrage ist so ehrlich wie der Rest des Gesprächs:

„Für mich ist Glück ein flüchtiges Gefühl oder ein vorübergehender Zustand – eine kleine Mischung aus Zufriedenheit, Freude und oft so einem Hochgefühl. Ich kenne es vor allem vom Sport.”

Das Runner’s High, der Moment nach einem guten Workout, der perfekte Tag in der Natur – Glück ist für Julia kein Dauerzustand, sondern ein Erlebnis. Und genau diese Erkenntnis macht ihr Sabbatical so viel bedeutsamer: sechs Monate lang nicht ein, zwei Hochmomente pro Woche, sondern Tage voller solcher Momente.

Der Weg zum Sabbatical: Abgeworben, Branche gewechselt, Wunsch nie aufgegeben

Julia begann ihre Karriere in der Personaldienstleistung – und war bereits nach wenigen Monaten unglücklich:

„Ich war da schon nach wenigen Monaten wirklich sehr unglücklich. Und hatte dann aber das große Glück, dass ich nicht aktiv suchen musste, sondern abgeworben wurde.”

Was folgte, war ein Wechsel in die Automobilbranche als Accountmanagerin – mit steilem Lernkurve, toller Teamdynamik und einem Chef, der früh Führungsverantwortung übertrug. Bis ein Konzern die Firma schluckte, ein Großkonzern den neuen Konzern kaufte und das mühsam aufgebaute Kundenbeziehungsnetz über Nacht wertlos war. Julia wechselte erneut – diesmal in die Energieforschung, wo sie bis heute arbeitet.

Den Wunsch nach einer langen Reise trug sie die ganze Zeit mit. 2017 versuchte sie das erste Mal, ihn umzusetzen: Ihr Partner sollte für drei Monate nach China entsandt werden. Julia wollte ein Sabbatical beantragen, um ihn zu begleiten und nebenbei Asien zu erkunden.

Das verweigerte Sabbatical – und was es sie lehrte

Das Gespräch mit ihrer damaligen Vorgesetzten war ein Desaster:

„Ich bin komplett auf Granit gestoßen. Es gab auch keine sinnhafte Begründung für ihre Ablehnung. Nach dem Gespräch war ich ziemlich verunsichert – dieser Kontrast zwischen, ich habe mich auf was gefreut, und dann wurde die Tür einfach zugemacht.”

Es gab eine Betriebsvereinbarung zu Sabbaticals – auf dem Papier geregelt, in der Praxis von einer einzelnen Führungskraft blockiert. Julia wandte sich an die Arbeitnehmervertretung – rückblickend, sagt sie, ein Fehler:

„Sabbaticals klingen immer sexy, um Arbeitnehmer zu gewinnen. Ich glaube, in jedem Intranet gibt es eine schöne Geschichte von jemandem, der seit 15 Jahren im Unternehmen ist und jetzt sein Sabbatical bekommen hat. Ganz der Realität entsprechend kam mir das aber nicht vor.”

Die Folge: vergiftete Arbeitsatmosphäre, schließlich Kündigung – ohne neuen Job in Aussicht. Die große Asien-Reise fand nicht statt. Aber der Wunsch blieb.

Zweiter Anlauf: Der Chef, der die Lunte roch

Jahre später, bei ihrem jetzigen Arbeitgeber, sprach Julia das Thema wieder an. Diesmal mit einem fundamental anderen Ergebnis:

„Mein Chef ist ein ziemlicher Pragmat. Er sagte zu mir einfach nur: Entweder ich lasse dich gehen, oder du gehst eh ganz. Der hat die Lunte auch schon gerochen.”

Von März bis September 2024 war Julia auf Reisen – zusammen mit ihrem Partner, der ebenfalls seinen Job gekündigt hatte. Sechs Monate, eine Route, die so kaum planbar war, und ein Abenteuer, das weit über den ursprünglichen Traum hinausging.

Die Route: Thailand, Japan, Tahiti und der Pacific Crest Trail

In sechs Monaten legten Julia und ihr Partner eine Route zurück, die sich liest wie ein Best-of der Weltreise-Träume:

  • Thailand: Freunde besuchen, die in Südostasien überwintern – sanfter Einstieg in die langen Reisemonate

  • Okinawa / Japan: Drei Wochen auf einer kleinen Insel, die geografisch näher an Taiwan liegt als an Tokio, danach fast eine Woche in der Hauptstadt

  • Französisch-Polynesien: Vier Wochen auf Tahiti und der Nachbarinsel Morea – ursprünglich das geplante Highlight

  • USA: Drei Monate, knapp 1.000 Kilometer auf dem Pacific Crest Trail, gefolgt von einem spontanen Roadtrip entlang der Küste und dem North Rim Trail im Yosemite

    „Ich habe zum ersten Mal richtig verstanden, warum die USA the land of the free sind. Es ist einfach gar nicht vergleichbar mit unseren Alpen. Die Dimensionen sind ganz andere.”

Der Pacific Crest Trail: Hitze, 21-Kilo-Rucksack und Selbstzweifel

Wer den PCT nur vom Kinofilm „Wild” kennt, bekommt eine romantisierte Version. Julias Einstieg war anders:

„Wir sind direkt mit Temperaturen um die 39 Grad gestartet. Wenig Wasserquellen, Wüstenausläufer. Die Nächte waren sehr kalt und ich hatte mir vom Flug eine Erkältung mitgenommen. Ich war nicht richtig krank, aber auch nicht richtig gesund.”

Dazu: ein Rucksack mit bis zu 21 Kilo Gewicht auf einem Körper, der 50 Kilo wiegt. Verdauungsprobleme, Kopfschmerzen, Schlafmangel in der Kälte. Und die nagende Frage, ob man im Hochgebirge durchhalten würde, wenn man in den Wüstenausläufern schon kämpft.

„Mein Selbstwertgefühl ist nicht komplett abhandengekommen. Nach und nach kam der Mut zurück und ich habe mir dann auch wieder mehr zugetraut.”

Was der Trail auch bot: 50 erlaubte Starterplätze pro Tag, eine Permit-Lotterie, kaum andere Wanderer. Tage ohne menschliche Begegnung, dafür mit Schwarzbären, Creeks zum Baden, Pässen auf 4.000 Metern und Landschaften, für die es auf Deutsch kein passendes Wort gibt.

„Das Glücksniveau pendelt sich ganz anders ein, wenn man so aus der Zivilisation raus ist. Wir haben uns manchmal wie kleine Kinder über einen Creek gefreut, in dem man sich erfrischen konnte.”

Waldbrand, Umweg und der Lake Tahoe

In Nordkalifornien zwang eine Waldbrandsaison zur Planänderung. Teile des Trails waren gesperrt, die Rauchwolken waren weithin sichtbar. Julia und ihr Partner entschieden sich, auf den Tahoe Rim Trail umzusatteln – weitere knapp 100 Kilometer östlich des Lake Tahoe, ohne extra Genehmigung. Danach: Mietwagen, Küstenroute, Rückkehr nach Yosemite für den North Rim Trail.

„Es hat uns relativ schnell wieder zurück auf die Trails gezogen. Wir hatten uns eine Strecke gesucht, wo man drei, vier Tage unterwegs sein konnte.”

Der Rückflug wurde wegen eines Hackerangriffs auf den Flughafen Seattle zum Chaos – und endete trotzdem mit einem Ticket nach Frankfurt.

Zurück in Deutschland: Die Meckerkopf-Welle

Die Post-Reise-Depression kam nicht als großer Einbruch, sondern als Kulturschock im Bäckerladen:

„Erst kommt jemand rein und meckert, dass es so stickig warm ist. Danach kommt eine Person, die meckert, wie kalt es plötzlich draußen ist. Und ich stand so dazwischen und dachte: Wo bin ich gelandet?”

Julia hatte die kalifornische Mentalität verinnerlicht – das Glas immer halb voll, people are awesome, die spontane Hilfsbereitschaft einer Anwohnerin, die zwei nasse Wanderer bei heftigem Gewitter ins Wohnzimmer winkt:

„Das wäre in Deutschland nie und nimmer passiert.”

Die Lösung war pragmatisch: Noise-Canceling-Kopfhörer, bewusste Auswahl positiver Gesprächspartner, viele Gespräche mit dem Partner – und die Erkenntnis, dass man sich an alles gewöhnen kann. Auch an Deutschland.

Was jetzt kommt: Haus verkaufen, minimalistischer leben, weiterreisen

Julia plant keine große Weltreise Nummer zwei für nächstes Jahr. Aber sie plant:

  • Haus verkaufen – um Kosten zu reduzieren, Freiheit zu gewinnen und weniger an materielle Verantwortung gebunden zu sein

  • Minimalistischer wohnen – als bewusste Entscheidung, nicht als Verzicht

  • Weitere Reisen – ob drei, sechs oder zwölf Monate, das entscheidet die Zukunft

    „Wenn ich gegenrechne, was ich damit bereisen könnte oder wie lange ich mein Reisebudget damit aufrechterhalten kann, ist mir sehr klar, was mir wichtiger ist.”

Längerfristig: Engagement im Meeresschutz, Mitarbeit an Expeditionsreisen als Guide, vielleicht ein kompletter Lebensabschnitt im Ausland.

„Ich bin sehr neugierig, was die Zukunft bringt und welche Gelegenheiten sich noch ergeben.”

Wordshuffle: Julia Kiefer in Schlagworten

  • Verständigung – „Ich denke an Japan, an Google Translate und an ein süßes Pärchen, das ein kleines Gasthaus mit drei Zimmern betrieb. Wir haben immer den Übersetzer benutzt, weil er überhaupt kein Englisch sprach. Das hat sehr viel Spaß gemacht.”

  • Finanzen – „Ein finanzieller Puffer erkauft Freiheiten. Angefangen hat es für mich mit ‘Rich Dad, Poor Dad’ – der Klassiker. Auf Reisen habe ich gelernt, was wir wirklich brauchen und wo wir gerne Geld ausgeben.”

  • Lieblingsreiseziel – „Japan. Eindeutig. Wahnsinnig vielseitig. Ich habe mich da wirklich verliebt.”

  • Selbstbestimmung – „Mir ist es sehr wichtig, selber über meine Zeit, mein Leben und meine Entscheidungen zu bestimmen. Freiheit, Selbstbestimmung und Unabhängigkeit sind hochgesteckte Werte für mich.”

  • Travelhack – „Ich werde gut darin, was ich wirklich brauche und was nicht. Auf dem PCT hatten wir 40 Grad tagsüber und einstellige Minustemperaturen nachts – und alles passte in einen 15-Kilo-Rucksack. Manchmal braucht es weniger, als man meint.”

  • Mut – „Mut steht oft am Anfang. Jede Veränderung, zu der ich Mut aufbringen musste, hat mich auf einen Weg geführt, der mich weitergebracht hat. Eine Prise mehr Mut tut oft gut.”

Zuletzt aktualisiert: April 2026


FAQs zu Julia Kiefer und dem Sabbatical

Was ist ein Sabbatical und wie beantrage ich es?
Ein Sabbatical ist eine bezahlte oder unbezahlte Auszeit vom Job – oft über mehrere Monate. In vielen großen Unternehmen gibt es dafür Betriebsvereinbarungen. Voraussetzung ist meist ein offenes Gespräch mit der Führungskraft, ein konkreter Plan und der richtige Zeitpunkt. Julias Erfahrung zeigt: Der Erfolg hängt stark von der Führungskraft ab – weniger von den offiziellen Regelungen.

Kann man ein Sabbatical verweigert bekommen, obwohl es eine Betriebsvereinbarung gibt?
Ja – und genau das hat Julia Kiefer erlebt. Trotz einer konzernweiten Betriebsvereinbarung lehnte ihre Vorgesetzte das Sabbatical ohne sinnhafte Begründung ab. Der Gang zur Arbeitnehmervertretung verschlechterte die Situation. Wer ein Sabbatical plant, sollte frühzeitig das Gespräch suchen, Vertrauen aufbauen und konkrete Lösungen für die eigene Vertretung mitbringen.

Was ist der Pacific Crest Trail?
Der Pacific Crest Trail (PCT) ist ein Wanderweg in den USA, der von der mexikanischen bis zur kanadischen Grenze führt – über 4.200 Kilometer durch Wüste, Gebirge und Küstenregionen. Täglich erhalten maximal 50 Personen eine Startgenehmigung per Losverfahren. Julia und ihr Partner wanderten knapp 1.000 Kilometer des Trails in drei Monaten.

Wie finanziert man ein sechsmonatiges Sabbatical?
Julia und ihr Partner hatten über Jahre gezielt gespart. Auf der Reise haben sie gelernt, was sie wirklich brauchen und wo sie gerne Geld ausgeben. Rückkehrend planen sie, ihr Haus zu verkaufen, um minimalistischer und flexibler zu leben – und damit das Budget für zukünftige Reisen zu erhöhen.

Was ist der Unterschied zwischen Sabbatical und unbezahltem Urlaub?
Ein Sabbatical ist meist eine längere, strukturierte Auszeit mit Rückkehrrecht zum Arbeitsplatz – oft teilweise finanziert durch Arbeitszeitkonten oder Entgeltumwandlung. Unbezahlter Urlaub ist kürzer, weniger formalisiert und finanziell vollständig selbst getragen. Beide Modelle haben ihre Berechtigung, je nach Arbeitgeber und Lebenssituation.

Was passiert nach einem langen Sabbatical und einer Reise?
Die Rückkehr ist herausfordernder als die meisten erwarten. Julia beschreibt einen echten Kulturschock nach sechs Monaten in Südostasien und den USA: deutsche Meckerkopf-Mentalität, bürokratischer Alltag, das Gefühl, sich selbst nicht mehr zu erkennen. Mit der Zeit gewöhnt man sich wieder ein – aber die Reise hinterlässt bleibende Veränderungen im Wertesystem.

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2 Kommentare

  1. Alles ganz nett.
    Aber wo sind auf dem Weg zur 40 die Kinder in der Lebensplanung?
    Will man generell auf diese verzichten oder gar erst jenseits der 40 bekommen?
    Es ist so traurig, wenn diese selbst in Partnerschaften von gut Verdienenden Akademikern offensichtlich keinen Platz mehr haben weil die Menschen sich geprägt von Egoismus immer an 1. Stelle stellen, nicht zu temporärem Verzicht, Kompromissen und Verantwortung bereit sind.
    Was wird aus meiner Karriere?
    Was ist mit den Fernreisen?
    Was wird aus unserem komfortablen DINK Leben?
    Job, Karriere, Auszeit zum Reisen.
    Alles ganz nett aber so sind die wirkliche Bedeutung, der Sinn, der Tiefgang im Leben?
    Alles was die Dame tut, ist am Ende vergänglich, nichts wird sie überdauern.
    Wir reisen auch gern aber soll das etwa DER LEBENSINHALT sein?
    Reisen, und wenn man sie noch so sehr ausdehnt, sind tolle Erlebnisse, Erinnerungen aber machen eben nur einen Bruchteil der Lebenszeit aus.
    Offensichtlich ist der Lebensstil offenbar (leider) stark durch Social Media geprägt (Werbung für das DINK Leben).
    Ich kann der 0815 Pärchen Story leider überhaupt nichts abgewinnen.

    1. Wo ist das denn 08/15? Und wo steht geschrieben, dass Kinder zwingend zur Lebensplanung gehören? Das ist eine höchst persönliche Entscheidung – und die treffen Menschen aus den unterschiedlichsten Gründen, die Außenstehende oft gar nicht kennen oder verstehen. Manche wollen keine Kinder, manche können keine bekommen, manche haben ihren Weg schlicht noch nicht gefunden. All das verdient Respekt und keine Verurteilung.

      Genauso wenig wie man jemanden dafür kritisieren sollte, dass er sich für eine Familie entscheidet, sollte man es tun, wenn jemand diesen Weg nicht geht. Sinn und Tiefgang im Leben entstehen nicht nach einem einheitlichen Rezept. Und schon gar nicht durch das Erfüllen gesellschaftlicher Erwartungen. Ich selbst habe auch keine Kinder, und mein Leben ist deshalb nicht weniger bedeutsam oder erfüllt.

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