Von FastBill bis Happy Coffee: Warum Christian Häfner alle fünf Jahre neu startet

Folge: 37

Christian Häfner war digitaler Nomade, bevor es dafür überhaupt ein Label gab. Er baute FastBill mit auf, verkaufte seine Anteile später an Freshbooks und startete nebenbei Happy Coffee — erst als Blog, irgendwann als echtes Business. Heute lebt er in Flensburg, schaut vom Wohnzimmer auf den Fjord und fährt einen alten Camper. Viel mehr brauche er eigentlich nicht, sagt er. Im Podcast „Mehr Mut zum Glück“ spricht Christian darüber, warum er seinen Konzernjob bei Otto gekündigt hat, weshalb ihn Selbstbestimmung bis heute antreibt — und warum er ungefähr alle fünf Jahre das Gefühl bekommt, nochmal etwas Neues machen zu müssen.

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Aktualisiert im Mai 2026

Christian Häfner von Happy Coffee im Interview

Christian Häfner ProfilbildDie Einstiegsfrage beantwortet Christian ziemlich direkt.

„Glück hat sehr viel mit Selbstbestimmung zu tun. Für mich war immer wichtig, selbst entscheiden zu können: Was mache ich? Wo bin ich? Woran arbeite ich? Mit wem? Und wann arbeite ich vielleicht auch mal weniger?“

Wenn man auf seinen Lebenslauf schaut, zieht sich genau das eigentlich durch alles durch.

Otto. FastBill. Weltreise. Happy Coffee. Blogs. Neue Projekte.

Immer wieder Dinge aufbauen — und irgendwann merken, dass wieder etwas Neues dran ist.

„Alles, was ich die letzten Jahre gemacht habe, habe ich immer versucht, auf dieses Ziel der Selbstbestimmtheit auszurichten.“

Warum Christian den Otto-Konzern wieder verlassen hat

Nach dem BWL-Studium zog Christian nach Hamburg und fing bei Otto an. Für viele in seinem Umfeld damals ein ziemlich guter Job.

Für ihn fühlte es sich irgendwann trotzdem nicht richtig an.

„Jedes Meeting, wo der Raum für eine Stunde gebucht war, hat immer exakt eine Stunde gedauert.“

Ihn störte weniger die Arbeit selbst als die Art, wie große Konzerne funktionieren.

„Es ging viel mehr um die Form als darum, was inhaltlich passiert.“

Nach zweieinhalb Jahren kündigte er.

Nicht aus einer Krise heraus. Sondern weil er merkte, dass das auf Dauer nicht seine Welt war.

„Ich war noch jung genug, um das Risiko zu nehmen. Keine Kinder, kein Haus, keine Hypothek. Wenn nicht dann, wann hätte ich das sonst machen sollen?“

Seitdem war Christian nie wieder angestellt.

FastBill entstand ziemlich improvisiert

Die Idee zu FastBill kam ursprünglich von seinem Freund René, der damals eine Agentur in Frankfurt hatte. Online Rechnungen schreiben — heute normal, 2010 noch eher neu.

Christian hatte zu dem Zeitpunkt gerade gekündigt und noch keinen echten Plan, wie es weitergeht.

„Ich hab mir danach erst überlegt: Wie kann ich eigentlich weiterleben?“

Den Gründungszuschuss beantragte er erst nach der Kündigung.

„Rückwirkend war das mit ganz heißer Nadel gestrickt.“

Die ersten Jahre bestanden aus Zugfahrten zwischen Hamburg und Frankfurt, wenig Geld und viel Improvisation.

Das erste feste Teammitglied konnten sie erst nach dreieinhalb Jahren einstellen.

Und Christian mochte genau das.

„Ich steh morgens auf und überlege: Was ist das, was ich heute tue, damit ich heute Abend mehr Geld verdient hab als heute Morgen?“

Kein Chef. Keine Vorgaben. Kein klarer Weg.

„Ich fand das mega aufregend.“

Den ersten Vollzeitmitarbeiter stellte Christian übrigens ohne Bewerbungsprozess ein: seinen Zwillingsbruder Benjamin.

„Ich kannte meinen Bruder, ich hab ihm vertraut — und es passte einfach.“

Irgendwann passte FastBill nicht mehr richtig zu ihm

Mit den Jahren wuchs FastBill stark. Investoren kamen dazu, das Team wurde größer, Christian wurde Geschäftsführer.

Und irgendwann merkte er, dass ihn genau das wieder unruhig machte.

Heute sagt er, dass sich bei ihm ungefähr alle fünf Jahre etwas verändert.

Nicht geplant. Eher schleichend.

„Damals bei Otto wollte ich Karriere machen. Fünf Jahre später wollte ich genau das nicht mehr.“

Nach der Konzernwelt kam das Startup-Leben. Danach wieder etwas anderes.

2016 gingen Christian und seine Frau Heidi schließlich auf Weltreise.

Anderthalb Jahre unterwegs. Asien, Australien, Neuseeland, Kanada, Kalifornien.

Trotzdem arbeiteten beide weiter.

„Wir haben keinen Urlaub gemacht auf der Weltreise.“

Statt Hotels mieteten sie meist Airbnbs für mehrere Wochen und lebten dort eher wie Anwohner als wie Touristen.

„In der Woche normal gearbeitet, am Abend und am Wochenende die Welt entdeckt.“

Irgendwann wurde aber klar, dass FastBill und er nicht mehr dieselbe Richtung wollten.

„Ich hab einfach gemerkt, dass die Firma etwas anderes brauchte, als ich persönlich wollte.“

2021 verkaufte er seine Anteile an das kanadische Unternehmen Freshbooks — ausgerechnet die Firma, die für ihn und René jahrelang das große Vorbild gewesen war.

„Das war wirklich ein Grande Finale.“

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Happy Coffee begann einfach als Blog

Parallel zu FastBill hatte Christian irgendwann die Domain happycoffee.de registriert.

Ohne Businessplan. Ohne große Strategie.

Er interessierte sich einfach für Kaffee, faire Lieferketten und die Frage, warum guter Kaffee oft trotzdem so anonym verkauft wird.

Also begann er zu schreiben.

„Ich bin nie mit einem Businessgedanken rangegangen.“

Erst später entstand daraus ein Shop.

Heute macht Happy Coffee mehr als eine Million Euro Umsatz im Jahr — trotzdem ist das Unternehmen bewusst klein geblieben.

Kein Café. Kein Vertrieb im Supermarkt. Kein riesiges Team.

„Die Angst, dass jemand unseren Kaffee kauft, unser Name draufsteht — aber die Qualität nicht mehr stimmt: Das war für mich nie attraktiv.“

Lieber kleiner bleiben und Kontrolle behalten.

Warum ihm Zeit wichtiger ist als Geld

Im Gespräch geht es irgendwann auch um Geld. Und Christian antwortet ziemlich unspektakulär.

„Mir persönlich ist Geld nie so richtig wichtig gewesen.“

Keine Luxusautos. Keine große Villa.

„Ich hab ein einziges Auto, das ist ein alter Camper.“

Er lebt heute mit seiner Frau in einer 80-Quadratmeter-Wohnung in Flensburg — direkt am Wasser.

Das Wichtigste für ihn sei ohnehin etwas anderes:

„Für mich ist der viel größere Wert Zeit.“

Zeit, selbst entscheiden zu können. Auch mal länger weg zu sein. Oder weniger zu arbeiten.

„Meine Urlaube sind keine zwei Wochen, sondern auch mal zwei Monate.“

Nach Jahren unterwegs kam erstmal die Pause

Nach der Weltreise und mehreren intensiven Jahren merkte Christian irgendwann, dass er müde geworden war.

Also zog er bewusst den Stecker.

„Ich hab vor zwei Jahren gemerkt: Ich brauch mal Urlaub.“

Viele Projekte liefen weiter. Aber alles, was nicht unbedingt nötig war, fuhr er erstmal runter.

„Ich hab alles, was nicht für unsere Lebenserhaltung erforderlich war, bewusst auf null gefahren.“

Auch seine Blogs pausierten in der Zeit weitgehend.

Mittlerweile kommt die Lust langsam zurück.

Unter anderem arbeitet Christian wieder stärker an „Let’s See What Works“ — allerdings anders als früher.

Weniger persönliches Tagebuch. Mehr Inhalte, die Menschen konkret helfen.

„Wonach suchen die Leute? Was brauchen sie?“

Wordshuffle: Christian Häfner in Schlagworten

Zwillinge

„Für mich ist das wie ein Spiegel, in dem ich das Alternativleben sehe.“

Digitale Nomaden

„Alle digitalen Nomaden aus meiner Generation, die ich kenne, sind mittlerweile gar keine Nomaden mehr.“

Angst

„Angst darf nicht lähmen.“

Airbnb

„Die besten Zeiten hatten wir bisher in Airbnbs.“

Mut

„Die Chance, in Deutschland wirklich zu scheitern, ist sehr, sehr gering. Also: probieren.“

Shownotes

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3 Kommentare

  1. Vielen Dank für das schöne Interview.

    Ich glaube allerdings nicht, dass sich die Kernaussage und Titel-gebende Eigenschaft, dass sich der Anspruch an das Leben alle 5 Jahre verändert auf jeden übertragbar ist. Ich würde Euch beide als relativ flexible Menschen bezeichnen die auch im Leben mal gerne einen Schlussstrich ziehen um neues zu wagen. Gepaart mit einer Prise Unternehmergeist.

    Diese Eigenschaft trifft aber auf viele, ich behaupte mal, sogar die Masse der Menschen nicht zu. Ich bin beispielsweise das genau Gegenteil. Ich liebe Kontinuität. Auch rückblickend betrachtet muss ich mit Ende 30 sagen, dass sich mein Anspruch ans Leben nicht großartig von dem unterscheidet was ich mit 30 oder gar 25 gedacht habe.

    Ich wäre nie derjenige der von sich aus einen gut bezahlten, sichern Job kündigt um irgendwas neues zu beginnen. Das ist auch abseits der beruflichen Dinge nicht anders.

    1. Vielen Dank für Dein Feedback.

      Die Kernaussage passt nicht auf jeden, da hast Du Recht. Aber es ist ja auch so, wenn Du Kinder hast, ändert sich automatisch einiges im Leben. Und auch durch Jobwechsel ändert sich eine Menge. Da ändern sich dann auch die Ansprüche. Es betrifft also nicht nur digitale Nomaden und Selbstständige. Ich kenne das auch aus meinem Bekanntenkreis. Aber es gibt auch genug Menschen, die ihre Ansprüche nicht ändern. Die Aussage hatte Christian ja auf sich bezogen und ich habe sie vielleicht etwas zu pauschal im Intro vorgestellt.

      Viele Grüße
      Daniel

  2. Vielen Dank für das tolle Interview. Ich habe es gehört, während ich für meine wachsende Selbständigkeit (läuft noch nebenher) Pakete gepackt hat. Ich finde den beschriebenen Weg aus der Konzernwelt hinein in eine selbstbestimmte Arbeit sehr inspirierend. Danke Christian, dass Du Deine Einsichten teilst. Deinen Blog LSWW, lese ich regelmäßig und ziehe viel Mehrwert daraus.

    Viele Grüße

    Hans

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