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Überblick Interview mit Wiebke Jahn
Mit 16 hatte Wiebke Jahn schon einen Platz für ein Austauschjahr in Schweden. Sie wollte nach Lappland, in den hohen Norden, dorthin, wo es Schnee, Weite und Polarlichter gibt. Dann kam die Liebe dazwischen.
Heute lebt Wiebke mit ihrem Mann und ihren drei Kindern in Schwedisch Lappland. In einem kleinen Ort am Polarkreis. Mit zwölf Einwohnern, viel Wald vor der Tür und Wintern, in denen das Thermometer auch mal auf -40 Grad fällt.
Eigentlich hatte sie sich dieses Leben schon als Kind ausgemalt. Nur dass sie damals noch nicht wusste, wie viel Mut und welche Entscheidungen dafür nötig sein würden.
Shownotes
- 📕 Das Buch „Schneesturmtage”*
- 🌲 Arctic for Beginners – Blog
- 📱 Wiebke bei Instagram
- 📺 Arctic for Beginners bei YouTube
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Ein Bild bei IKEA und ein abgesagtes Austauschjahr
Wiebke ist in einer Buchhandlung aufgewachsen. Ihre Eltern hatten den Laden, sie war als Kind oft krank und hat sich durch alles gelesen, was mit Arktis- und Antarktis-Expeditionen zu tun hatte.
Dann sah sie bei IKEA eines dieser großformatigen Bilder an der Restaurantwand. Lappland, das Fjäll, die Weite. Von da an war klar, wo es hingehen sollte.
Mit 16 hatte sie den Austauschplatz in Schweden sicher. Kurz vor der Abreise sagte sie ab, weil sie sich verliebt hatte. Aus der Jugendliebe wurde ihr Mann, aus dem Leben in Schweden erst mal nichts.
Als das perfekte Leben nicht mehr passte
Später sah alles nach Plan aus. Zwei Lehrerjobs, drei Kinder, ein schönes Mietshaus an der Ostsee, ihr Mann verbeamtet. Im Freundeskreis wurden Kredite aufgenommen und Häuser gekauft.
Nur passte dieses Leben nicht. Ihr Mann fuhr täglich eine Stunde zur Schule und war morgens vor sieben aus dem Haus. Sie brachte drei Kinder allein zum Kindergarten und konnte deshalb nie voll arbeiten. Der Gedanke, sich für Jahrzehnte an ein Haus und einen Ort zu binden, stresste sie.
Kurz nach Weihnachten 2020 kam der Brief der Vermieterin. Eigenbedarf, sechs Monate Frist. Drei Kinder, zwei Katzen, ein Hund und keine Wohnung.
Bei der Übergabe sagte die Vermieterin einen Satz, der bis heute hängengeblieben ist:
„Ach Mensch, aber es ist doch eigentlich gut, dass es so gekommen ist, weil sonst wärt ihr ja nicht nach Schweden gegangen.”
Wiebke war zu dem Zeitpunkt wütend. Recht hatte die Vermieterin trotzdem.

Telefonieren auf Schwedisch, mitten in der Fika-Pause
In Schweden werden Lehrer gesucht. Diesen Tipp hatte die Familie Jahre vorher von einem schwedischen Freund bekommen, mit dem sie während des Studiums in Spanien in einer WG gelebt hatte.
Also fing Wiebke an, schwedische Kommunen anzurufen. Auf Englisch, ohne ein Wort Schwedisch und mit einem Problem: Sie hasst Telefonieren. Dazu erwischte sie regelmäßig die Fika-Pause, weil sie nicht wusste, dass in Schweden zweimal täglich Kaffeepause ist.
Ihr Satz war jedes Mal derselbe: Sie sei Lehrerin aus Deutschland und wolle nach Schweden auswandern. In Göteborg und Stockholm interessierte das niemanden. Je weiter nördlich sie anrief, desto größer wurde das Interesse.
Am Ende hatten beide einen Job in Lycksele Kommun. Ein Haus hatten sie immer noch nicht.
Ein Haus für den Preis einer Jahresmiete
Mietwohnungen gibt es in Nordschweden kaum, die staatlichen laufen über Wartelisten. Die Familie hatte drei Monate Zeit.
Die Lösung kam über eine lokale Facebook-Gruppe, einen mit Google Translate übersetzten Text und Leute, die sich tatsächlich meldeten. Wie die Familie am Ende sicher sein konnte, dass es das Haus überhaupt gibt, erzählt Wiebke im Gespräch. Es ist die beste Szene der Folge.
Die Rechnung dahinter war simpel: Das Haus in Schweden kostete ungefähr so viel, wie sie in Deutschland in einem Jahr an Miete zahlten. Selbst im schlimmsten Fall wäre also kein Geld verloren gewesen.

Minus 33 Grad und zehn von zehn Schülern
Die ersten Wochen fühlten sich an wie Urlaub, nur besser, weil niemand mehr nach Hause musste. Dann begann die Schule.
Wiebke war nervös wegen der Sprache. Was die beiden Direktorinnen am ersten Tag sagten, hatte sie nicht erwartet:
„Wow, du bist wirklich gekommen. Wir haben nicht gedacht, dass du kommst. Wir haben schon überlegt, wie wir das machen mit dem Deutschunterricht.”
Auf den Winter hatte sich die Familie innerlich als Härtetest eingestellt. Ein Jahr durchhalten, dann zurück. Im ersten Winter fiel das Thermometer auf -33 Grad.
Als Wiebke ihre Schüler nach ihrer Lieblingsjahreszeit fragte, sagten zehn von zehn: Winter. Sie hielt die Leute dort für leicht verrückt. Heute geht es ihr genauso, und ihre Kinder fragen schon im August, wann der Winter endlich kommt.
Selbst mit der Dunkelheit kam sie schneller zurecht als gedacht. „Dunkelheit kann Angst machen, aber Dunkelheit kann auch einhüllen und sich wirklich gut anfühlen”, sagt sie. Schwerer fällt ihr inzwischen die permanente Helligkeit im Sommer.
Was Auswandern finanziell wirklich bedeutet
Schweden ist für die Familie nicht billiger geworden. Das Lehrergehalt liegt unter dem deutschen, dafür gibt es weniger Unterrichtsverpflichtungen.
Wiebke hat für das Interview nachgerechnet, wie die Familie in Deutschland heute dastehen würde, sogar mit zwei Verbeamtungen. Das Ergebnis hat sie selbst überrascht.
Die Musikschule für drei Kinder kostet in ihrer Kommune nichts. Schulmaterial wird gestellt, die Kinder müssen nicht einmal Mappen mitbringen. Skifahren, Abfahrt und Langlauf, gehört zum Lehrplan. Betreuung bis 17 Uhr ist Standard. Dazu knapp 4.000 Quadratmeter Garten.
Am wichtigsten war der Familie aber etwas, das in keiner Rechnung auftaucht. Als sie auswanderten, war die jüngste Tochter zwei. Diese gemeinsame Zeit hätte es in Deutschland so nicht gegeben.
„Bullerbü gab es nicht”
Beim Ankommen ist Wiebke nach fünf Jahren ehrlich: Freundeskreis ja, tiefe Freundschaften mit Schweden eher nicht. Deutsche Direktheit gilt dort als unfreundlich. Die Familie hat sich mit einer Expat-Blase arrangiert und spricht mit Freunden oft Englisch.
Was ihr schwedischer Freund aus Stockholm dazu sagte, bringt es auf den Punkt:
„Wiebke, ihr Deutschen mit eurem Bullerbü. Bullerbü gab es nicht und wird es niemals geben. Das muss ich dir leider mal so sagen.”
Schweden sei ein normales Land mit denselben Problemen wie alle anderen.
Die Kehrseite der Medaille
Nach etwa zwei Jahren bekam Wiebke Fotos von Familienfeiern, von denen sie nicht einmal wusste, dass sie stattfanden. Als ihr Großvater starb, konnte sie nicht zur Beerdigung. 2.000 Kilometer erledigt man nicht an einem Wochenende.
„Es werden halt Kinder geboren in der Familie, aber es sterben halt auch Familienmitglieder und man ist halt nicht dabei und man ist auch nicht Teil des Alltags.”
Dazu kam ein Moment, der die Familie tief erschüttert hat: eine Autopanne im Winter, niemanden zum Anrufen. Was danach passiert ist und warum sie heute so etwas wie Ersatzgroßeltern haben, erzählt sie in der Folge.
Wem sie vom Auswandern abrät
Ihr Rat klingt erst mal nach Ermutigung: Man muss sich von dem „Aber” im Kopf verabschieden, weil sich für die meisten Probleme eine Lösung findet.
Sie schränkt das aber deutlich ein. Wenn die Kinder im falschen Alter sind, rät sie ab. In Schweden gibt es nur einen allgemeinbildenden Abschluss, nach der neunten Klasse, und die Klassenstufen sind verschoben. Wer sein Kind kurz davor herüberholt, handelt sich Ärger ein.
Und sie ist beim Gesundheitssystem ungewöhnlich offen: Es sei mit dem deutschen nicht zu vergleichen, sie selbst habe viele negative Erfahrungen gemacht. Wer chronisch krank oder sehr alt ist, dem rät sie vom Schritt ab.
Ihr Fazit: einen solchen Traum nicht zu lange aufschieben, weil der gute Zeitpunkt irgendwann vorbei ist.
Mein Fazit
Am meisten beschäftigt hat mich nicht der Umzug, sondern das, was danach kam.
Wiebke ist aus einem Leben raus, das von außen perfekt aussah und sie trotzdem eingeengt hat. Fünf Jahre später hat sie ihren sicheren Job an der Schule gekündigt und arbeitet hauptberuflich an Instagram, YouTube, Podcast, Blog und TikTok. Sie sagt selbst sehr offen, dass da jeden Tag viele Stunden reingehen und dass deutlich weniger dabei rumkommt, als von außen aussieht.
Ich mache das jetzt seit über elf Jahren und kenne die Stelle, an der so etwas zum zweiten Hamsterrad wird. Man lässt die fremden Zwänge hinter sich und baut sich die eigenen nach, nur diesmal freiwillig und mit Zahlen im Dashboard.
Bei Wiebke sehe ich das im Moment nicht. Ihre Kinder kommen auf Social Media nicht vor, ihr Mann ist dort gar nicht unterwegs, und auf die Frage nach Glück antwortet sie ohne Umweg: Natur und Zeit mit der Familie. Solange die Antwort so klar bleibt, ist der Rest Werkzeug.
Und ihr Buch beschönigt nichts. Deswegen habe ich es gerne gelesen.
FAQs zu Wiebke Jahn und dem Leben in Nordschweden
Wer ist Wiebke Jahn?
Wiebke Jahn ist ausgebildete Lehrerin, Fotografin und Autorin. Sie lebt seit 2021 mit ihrem Mann und drei Kindern in Nordschweden und betreibt das Medienprojekt Arctic for Beginners. Ihr Buch „Schneesturmtage” erzählt von der Auswanderung.
Wie findet man als Deutscher einen Lehrerjob in Schweden?
Wiebke hat schwedische Kommunen direkt angerufen, auf Englisch und ohne Schwedischkenntnisse. In Schweden zählen persönliche Kontakte mehr als Bewerbungsmappen. Je weiter nördlich, desto größer der Lehrermangel und desto größer das Interesse.
Wie kalt wird es dort im Winter?
Im ersten Winter der Familie waren es -33 Grad. In späteren Jahren kamen härtere Winter mit Temperaturen um -40 Grad dazu.
Braucht man Schwedisch zum Auswandern?
Nicht sofort, aber schnell. Wiebke startete mit Englisch und Google Translate und hat die Sprache in Eigenregie gelernt. Sie sagt selbst, dass ihre anfängliche Naivität geholfen hat, weil sie sonst vielleicht nicht losgegangen wäre.
Wem rät Wiebke Jahn vom Auswandern nach Schweden ab?
Familien, deren Kinder kurz vor dem schwedischen Schulabschluss in der neunten Klasse stehen, und Menschen mit chronischen Erkrankungen oder im hohen Alter. Das schwedische Gesundheitssystem funktioniert anders als das deutsche.
Was ist Arctic for Beginners?
Wiebkes Medienprojekt rund um Schweden und Lappland, entstanden aus einem Blog für Freunde und Familie. Heute gehören Instagram, YouTube, Podcast und TikTok dazu. Seit einem Jahr arbeitet sie hauptberuflich daran, ihre Firma hat sie vor drei Jahren gegründet.
Weitere Interviews bei „Mehr Mut zum Glück”
Chris Di Febo hält seit 20 Jahren an seinem Traum als Musiker fest. Daniel Schöberl hat sein Leben komplett neu ausgerichtet. Und Pegah Tavakkolkhah erzählt, wie sie aus dem Iran nach Deutschland kam und sich hier ein eigenes Leben aufgebaut hat.
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