Überblick
Wie fühlt es sich an, mit 25 Jahren allein in ein neues Land zu kommen? Pegah Tavakkolkhah kennt die Antwort. Für ihre Promotion zog sie aus dem Iran nach München. Plötzlich war alles neu: die Sprache, die Kultur und der Alltag.
Im Gespräch erzählt sie, warum sie sich direkt nach ihrer Ankunft ein Fahrrad kaufte, weshalb sie heute am liebsten allein reist und was diese Reisen mit ihrem Blick auf Freiheit gemacht haben.
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Wer ist Pegah Tavakkolkhah?
Pegah Tavakkolkhah lebt in München und arbeitet als Bioinformatikerin. Vor rund 16 Jahren kam sie für ihre Promotion an der LMU aus dem Iran nach Deutschland.
Heute ist sie regelmäßig mehrere Wochen allein mit dem Fahrrad unterwegs. Über ihre Reisen und ihre Gedanken zu Freiheit, Glück und Akzeptanz erzählt sie unter anderem bei Story Nights. Außerdem arbeitet sie an ihrem ersten Buch Freedom – Why Nothing Matters.
Allein in Deutschland
Als Pegah nach Deutschland kam, blieb kaum Zeit, um Heimweh zu haben. Der Alltag war voll mit neuen Eindrücken. Neue Sprache, neue Kultur, neue Menschen – und jeden Tag Situationen, die sie aus ihrem Leben im Iran nicht kannte.
„Ich musste wirklich alles neu lernen. Menschen denken anders. Ich musste ständig überlegen: Was ist hier richtig? Was ist hier falsch?“
Auf meine Frage, wie lange es gedauert hat, bis sie sich in Deutschland angekommen fühlte, antwortet sie ohne lange nachzudenken:
„Drei Jahre.“
Am schwersten fiel ihr allerdings etwas ganz anderes.
„Das Schlimmste war, dass ich plötzlich meine Muttersprache nicht mehr sprechen konnte. Ich habe vielleicht eine halbe Stunde am Tag mit meiner Mutter telefoniert. Den Rest des Tages hatte ich das Gefühl, dass meine Stimme irgendwo feststeckt.“
Ein Gedanke, über den ich vorher noch nie nachgedacht hatte.
Warum sie sich sofort ein Fahrrad kaufte
Noch bevor Pegah nach Deutschland zog, stand für sie eine Sache fest.
„Mein Traum war: In der ersten Woche in Deutschland kaufe ich mir ein Fahrrad.“
Warum ausgerechnet ein Fahrrad? Eine richtige Antwort darauf hat sie bis heute nicht.
Als Kind wollte sie unbedingt Fahrradfahren lernen. Mehrere Versuche scheiterten. Erst mit 24 Jahren – kurz vor ihrer Ausreise – gelang es ihr schließlich.
„Ich glaube, damals war Deutschland für mich gleich Fahrradfahren.“
Gemeinsam mit einer Kollegin kaufte sie sich ein gebrauchtes Fahrrad und übte auf der Theresienwiese. Dass sie kurz darauf auf der falschen Straßenseite unterwegs war und wenig später sogar von der Polizei angehalten wurde, erzählt sie heute mit viel Humor.
Seitdem gehörte das Fahrrad zu ihrem Alltag. Erst fuhr sie damit durch München, später wurden daraus Tagestouren mit 60 oder 70 Kilometern. Irgendwann entstand der Wunsch nach einer richtigen Radreise.
Den erfüllte sie sich allerdings nicht sofort.
Lange wartete Pegah darauf, dass jemand mit ihr losfährt.
Die erste Radreise allein
Lange hoffte Pegah, dass jemand sie auf ihre erste Radreise mitnimmt. Ihr damaliger Partner sprach immer wieder davon, einmal mit dem Fahrrad unterwegs zu sein. Sie selbst traute sich diesen Schritt allein noch nicht zu.
Nach der Trennung änderte sich das.
„Ich habe irgendwann gemerkt: Egal, ob ich irgendwann einen Partner finde oder nicht – ich fahre jetzt einfach alleine los.“
Am nächsten Tag setzte sie sich mit ihrem Fahrrad in den Zug. Das Ziel: Passau. Von dort ging es auf dem Donauradweg weiter. Drei Tage später kam sie in Wien an.
Diese erste Tour war für Pegah viel mehr als ein verlängertes Wochenende auf dem Fahrrad. Sie war der Beweis, dass sie nicht länger darauf warten musste, dass andere Menschen ihre Träume möglich machen.
Warum Alleinreisen so besonders sind
Seit dieser Reise ist Pegah fast nur noch allein unterwegs.
Nicht, weil sie grundsätzlich lieber allein ist. Sondern weil sie diese Art zu reisen als besonders frei erlebt.
„Ich esse, wann ich möchte. Ich mache Pause, wann ich möchte. Ich fahre so weit, wie ich möchte.“
Am Anfang klingt das nach kleinen Entscheidungen. Für Pegah steckt aber deutlich mehr dahinter.
Sie muss keine Kompromisse schließen. Kein Tagesziel diskutieren. Kein Tempo anpassen. Sie kann spontan stehen bleiben, wenn ihr ein Ort gefällt – oder einfach weiterfahren.
Langsam unterwegs
Ein weiterer Gedanke ist mir aus unserem Gespräch besonders im Kopf geblieben.
Pegah reist bewusst langsam.
Nicht, weil sie möglichst wenige Kilometer fahren möchte. Sondern weil sie unterwegs Dinge wahrnimmt, die ihr im Alltag oft entgehen.
„Ich sitze da und schaue auf das Gras im Wind. Das ist in diesem Moment das Schönste auf der Welt.“
Oder sie beobachtet minutenlang einen Vogel am Wasser.
„Wenn ich schnell fahre, merke ich diesen Vogel gar nicht.“
Diese Ruhe zieht sich durch das ganze Gespräch. Immer wieder erzählt Pegah davon, wie sich ihr Blick auf die Natur und ihre Umgebung verändert hat, seit sie mit dem Fahrrad unterwegs ist.
Freiheit beginnt mit Akzeptanz
Je länger wir sprechen, desto deutlicher wird, dass Freiheit für Pegah nichts mit möglichst vielen Möglichkeiten zu tun hat.
Sie beschreibt verschiedene Ebenen von Freiheit.
Am Anfang geht es um die Freiheit, den Tag selbst zu gestalten.
„Ich esse, wenn ich will. Ich schlafe, wenn ich will. Ich mache Pause, solange ich möchte.“
Mit der Zeit verändert sich diese Sicht.
Wenn Gegenwind kommt, regnet es eben.
Wenn ein Tag anders läuft als geplant, gehört das dazu.
„Wenn es stürmisch ist, dann ist es stürmisch. Ich kann das nicht ändern.“
Aus dieser Haltung entsteht einer der Sätze, die mir aus dem gesamten Gespräch am meisten im Gedächtnis geblieben sind.
„Akzeptanz ist in Wahrheit Freiheit.“
Was Pegah genau damit meint und warum diese Erkenntnis für sie so wichtig geworden ist, darüber sprechen wir im Podcast ausführlich.
Als plötzlich nichts mehr ging
Viele der Gedanken, über die Pegah heute spricht, sind nicht auf dem Fahrrad entstanden.
Sondern in einer Zeit, in der sie plötzlich auf all das verzichten musste, was ihr bis dahin Kraft gegeben hatte.
Beim Skifahren riss das Kreuzband.
Von einem Moment auf den anderen war klar: Wandern und Radfahren würden erst einmal nicht mehr möglich sein.
Was sie rückblickend überrascht: Sie stellte sich nie die Frage: Warum ich?
„Ich habe sofort gedacht: Warum eigentlich nicht ich? Was ist so besonders an mir, dass ausgerechnet ich keinen Kreuzbandriss haben sollte?“
Pegah beschäftigt sich seit vielen Jahren mit dem Buddhismus. Dort spielt die Vergänglichkeit eine wichtige Rolle – die Erkenntnis, dass sich alles verändert und nichts für immer bleibt.
Diese Haltung half ihr auch in dieser Situation.
Glück auf zehn Quadratmetern
Bis zur Operation vergingen vier Wochen. Danach musste Pegah jeden Tag zur Physiotherapie. Die Strecke dorthin war gerade einmal 400 Meter – und wurde trotzdem zur Herausforderung.
Im Gespräch erzählt sie, wie schwer es ihr anfangs fiel, diese neue Situation anzunehmen.
„Die Zufriedenheit, die ich vorher auf dem Fahrrad oder in den Bergen gesucht habe, musste ich plötzlich in meinem Zimmer finden.“
Heute sagt sie, dass diese Zeit zu den wichtigsten Erfahrungen ihres Lebens gehört.
Nicht, weil sie schön war.
Sondern weil sie ihr gezeigt hat, dass Glück nicht an einen bestimmten Ort gebunden ist.
„Ich kann überall Zufriedenheit finden. Auch in einem Zimmer mit zehn Quadratmetern.“
Wie sie diesen Perspektivwechsel geschafft hat und warum sie den Kreuzbandriss heute trotzdem als Geschenk betrachtet, erzählt sie ausführlich im Podcast.
„Ich radle für die Menschen, die nicht radeln können.“
Pegah teilt ihre Reisen regelmäßig mit Freunden und ihrer Familie im Iran. Nicht über Instagram, sondern ganz bewusst in einem kleinen Kreis.
Dabei geht es ihr nicht darum, möglichst viele Menschen zu erreichen.
Sie möchte etwas anderes.
„Ich radle für die Menschen, die nicht radeln können.“
Dieser Satz ist mir lange im Kopf geblieben.
Pegah erzählt, wie viele Menschen im Iran sich nach Natur, Freiheit und Reisen sehnen. Wenn sie Fotos und Geschichten von unterwegs teilt, möchte sie ihnen zumindest einen kleinen Blick in diese Welt ermöglichen.
Ein Buch über Hoffnung
Aktuell arbeitet Pegah an ihrem ersten Buch mit dem Titel Freedom – Why Nothing Matters.
Es ist kein Reisebuch.
Und auch kein klassischer Ratgeber.
Sie beschreibt es selbst als ein Buch für Menschen, die ihre Hoffnung verloren haben.
„Meine Hoffnung ist, dass dieses Buch den Menschen zeigt, dass es am Ende des Tunnels wirklich Licht gibt.“
Ein großer Teil des Manuskripts ist bereits fertig. Außerdem erzählt Pegah ihre Geschichten inzwischen regelmäßig bei Story Nights – ohne auswendig gelernte Texte und meist frei.
Ihr Ziel ist dabei immer das gleiche:
Menschen Mut zu machen, ihren eigenen Weg zu gehen.
Wordshuffle mit Pegah Tavakkolkhah
Zum Abschluss des Gesprächs durfte natürlich auch der Wordshuffle nicht fehlen.
Karriere
„Ich definiere mich nicht über meinen Job. Ein Job kommt und geht. Deshalb frage ich mich immer wieder: Warum mache ich diese Arbeit überhaupt?“
Iran
„Iran ist für immer mein Zuhause. Mein Wunsch ist, dass die Menschen dort in Sicherheit leben und ihre Freiheit zurückbekommen.“
Freiheit
„Freiheit heißt für mich, das zu akzeptieren, was ich nicht ändern kann.“
Alleinsein
„Das ist das Allerbeste. Die richtige Freiheit ist, mit sich selbst zufrieden zu sein.“
Mut
„Man soll die richtigen Fragen finden. Dann findet man auch die Antworten.“
Mein Fazit
Pegahs Geschichte hat mich auf eine besondere Art beschäftigt. Nicht, weil sie allein mit dem Fahrrad durch Europa reist. Sondern weil sie viele Dinge hinterfragt, die wir im Alltag oft als selbstverständlich hinnehmen.
Vor allem ihre Gedanken über Freiheit und Akzeptanz sind mir nach unserem Gespräch noch lange im Kopf geblieben.
Wenn du selbst gerne draußen unterwegs bist, dich für persönliche Entwicklung interessierst oder einfach einmal einen etwas anderen Blick auf das Thema Glück hören möchtest, solltest du in diese Folge unbedingt reinhören.
Häufige Fragen zu Pegah Tavakkolkhah
Wer ist Pegah Tavakkolkhah?
Pegah Tavakkolkhah ist Bioinformatikerin und lebt in München. Für ihre Promotion kam sie aus dem Iran nach Deutschland. Heute ist sie regelmäßig allein mit dem Fahrrad in Europa unterwegs und erzählt bei Story Nights von ihren Erfahrungen.
Warum reist Pegah Tavakkolkhah allein?
Für Pegah bedeutet Alleinreisen vor allem Freiheit. Sie kann ihren Tag selbst gestalten, spontan Entscheidungen treffen und erlebt die Natur bewusster. Im Podcast erzählt sie, warum sie lange auf andere gewartet hat und weshalb sie heute am liebsten allein losfährt.
Worum geht es in ihrem Buch Freedom – Why Nothing Matters?
Pegah schreibt kein klassisches Reisebuch. Im Mittelpunkt stehen ihre Gedanken über Freiheit, Hoffnung und den Blick auf das Leben. Das Buch richtet sich vor allem an Menschen, die gerade eine schwierige Zeit durchleben und neue Perspektiven suchen.
Warum spielt das Fahrrad in ihrem Leben so eine große Rolle?
Das Fahrrad war für Pegah zunächst ein Symbol für ihren Neuanfang in Deutschland. Mit der Zeit wurden daraus längere Reisen und viele persönliche Erkenntnisse. Heute ist es vor allem ein Mittel, langsam unterwegs zu sein und die Welt bewusst wahrzunehmen.
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