Urlaub geopfert, vor sieben Leuten gespielt: Warum Chris Di Febo seit 20 Jahren an seinem Traum festhält

Folge: 71

Mit 13 Jahren entdeckt Chris Di Febo AC/DC. Eine DVD von Live at Donington mit Angus Young auf der Bühne reicht, um bei ihm etwas auszulösen. Wenig später steht er selbst mit einer Gitarre in der Hand auf einer Bühne.

Bis daraus ein Beruf wird, vergehen mehr als zehn Jahre. Chris spielt in verschiedenen Bands, arbeitet nebenbei im Einzelhandel, investiert seinen kompletten Jahresurlaub in Konzerte und Studioaufenthalte und steht dabei auch mal vor sieben Leuten auf der Bühne. Manche Freundschaften halten diese Prioritäten nicht aus. Aufgegeben hat er trotzdem nie.

Heute ist Chris Gitarrist, Songwriter, Gitarrenlehrer und Teil der Rockband Snakebite. Hauptberuflich betreibt er in Gelsenkirchen seine eigene Gitarrenschule. Im Gespräch geht es deshalb um deutlich mehr als Rockmusik: um die Frage, wie lange man an einem Traum festhält, ohne zu wissen, ob er sich jemals trägt – und was es kostet, wenn aus einer Leidenschaft ein Beruf werden soll.

Inhalt

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Überblick Interview mit Chris Di Febo

Chris Di Febo ist seit mehr als 20 Jahren Gitarrist. Angefangen hat alles mit einer AC/DC-DVD und dem Wunsch, irgendwann selbst auf einer Bühne zu stehen. Heute spielt er mit Snakebite Konzerte in Deutschland und Europa, hat mehr als 200 Auftritte hinter sich und unterrichtet in seiner eigenen Gitarrenschule über 100 Schülerinnen und Schüler.

Der Weg dorthin war deutlich länger, als es von außen aussieht. Chris erzählt von Kneipengigs, Touren im Van, ausbleibendem Erfolg und den Opfern, die dazugehören, wenn man einen Traum wirklich verfolgt. Und er spricht darüber, warum kaum ein Musiker heute noch von einem einzigen Standbein leben kann.

Shownotes

Wie eine AC/DC-DVD den Traum vom Rockmusiker auslöst

Mit 13 Jahren kauft sich Chris Di Febo AC/DC Live at Donington. Er schaut sich die Aufnahmen an und ist vor allem von Gitarrist Angus Young beeindruckt.

„Ich war einfach überwältigt von den Bildern, von der Musik und insbesondere Angus Young, der hat mir es so angetan, wie der da über die Bühne geflitzt ist.“

AC/DC ist der Startschuss. Zum ersten Mal entsteht die Vorstellung, selbst einmal Rockmusik zu machen. Kurz darauf beginnt Chris mit dem Gitarrenunterricht – und die erste Stunde läuft anders als erwartet.

„Ich hab damals gedacht, meine Gitarrenlehrerin, die ist verdammt hübsch, und konnte mich nicht wirklich konzentrieren.“

Chris lacht heute darüber. Die Gitarre bleibt trotzdem. Zunächst allerdings eine klassische: Noten lernen, Akkorde üben, Grundlagen schaffen. Nicht das, was sich ein 13-Jähriger nach einer AC/DC-DVD vorgestellt hat, aber Chris bleibt dran.

Chris Di Febo (Copyright Da Noize Pics and Arts)

Von der ersten Gitarrenstunde auf die Bühne

Sechs Jahre später steht Chris zum ersten Mal vor Publikum, bei einem Junggesellenabschied in einer Kneipe. Vor dem Auftritt ist er nervös, nach dem ersten Song jubelt der Laden. Er beschreibt das Gefühl später wie eine Achterbahnfahrt: erst die Anspannung, dann ein paar Runden, und danach diese Energie, die man gespürt hat.

„In dem Moment dachte ich: Davon will ich mehr.“

Bis daraus ein Beruf wird, dauert es allerdings noch. Chris macht eine kaufmännische Ausbildung und arbeitet danach in einem Musikgeschäft. Die Musik läuft parallel weiter: verschiedene Bands, Proben, Konzerte und immer wieder die Frage, wie weit er das Ganze eigentlich treiben will.

Irgendwann steht die Entscheidung an. Chris will nicht mehr nur am Wochenende Musiker sein, sondern das Musikerding komplett machen. 2019 gründet er die Pott ’n’ Roll Gitarrenschule – aus seiner Sicht kein Plan B, sondern der nächste logische Schritt.

„Ich hab mir damals schon gesagt: Jetzt geht’s so langsam Richtung Musik. Also nicht nur als Hobby, sondern auch als Beruf.“

20 Jahre langer Atem: Was der Traum tatsächlich gekostet hat

Wenn Chris über seine musikalische Laufbahn spricht, klingt das wenig nach klassischer Erfolgsgeschichte. Den großen Durchbruch gab es nicht. Stattdessen viele Jahre, in denen er Zeit und Geld in seine Musik gesteckt hat, ohne dass etwas zurückkam.

Als er noch im Musikgeschäft arbeitete, ging sein kompletter Jahresurlaub für Konzerte und Studioaufenthalte drauf. Familienfeiern und Hochzeiten fielen aus. Und manche Freundschaften hielten diese Prioritäten irgendwann nicht mehr aus.

Auch mit Snakebite geht es lange nur langsam voran. Chris erinnert sich an eine Tour durch Tschechien, bei der sieben oder acht Menschen vor der Bühne standen, an Auftritte in Kaschemmen und an Nächte in irgendwelchen Abstellkammern, weil für Hotels kein Geld da war. Zehn Jahre lang investiert die Band, ohne zu wissen, wann die nächste Stufe kommt.

Genau hier liegt für mich die interessanteste Seite seiner Geschichte: Chris wartet nicht auf den einen Moment, in dem plötzlich alles funktioniert. Er macht weiter.

„Letztlich scheitern die meisten, weil sie einfach zu früh aufgeben. So einfach ist das.“

Warum Rock’n’Roll heute vor allem Arbeit ist

Mit Snakebite verändert sich irgendwann die Größenordnung. Die Band spielt größere Konzerte, war als Support von The New Roses unterwegs und hat inzwischen mehr als 200 Auftritte hinter sich. Die Realität dahinter hat allerdings wenig mit dem Klischee vom wilden Rock’n’Roll-Leben zu tun.

„Es ist fünf Prozent Party und Rock’n’Roll und 95 Prozent superharte Arbeit.“

Im Van wird nicht gefeiert. Die Musiker sitzen am Laptop, der Tontechniker mischt unterwegs Songs, irgendjemand kümmert sich um die nächste organisatorische Baustelle. Eine Band dieser Größe ist längst ein kleines Unternehmen – mit Buchhaltung, Rechnungen, Steuern und Merchandise. Chris beschreibt im Gespräch, wie er statt Gitarre zu spielen schon mal drei, vier Stunden mit Rechnungsstornos verbringt.

Auch finanziell hat sich das Musikgeschäft verändert. Streaming bringt für eine Band wie Snakebite praktisch keine Einnahmen, gleichzeitig gibt es bei Livekonzerten immer mehr Konkurrenz. Geld verdient die Band vor allem über Auftritte und Merchandise.

Hinzu kommt: Alle in der Band haben Jobs. Gespielt wird deshalb am Wochenende, und am Montag geht es wieder an die Arbeit. Am Merchandise-Stand seien die Leute regelmäßig überrascht, wenn sie das erfahren, erzählt Chris. Das Bild vom Rockstar, der zwischen den Shows in der Villa chillt, hält sich hartnäckig.

In diesem Video sieht man etwas vom Tourleben von Snakebite:

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Zwei Standbeine statt nur ein Traum

Genau darauf hat Chris sich eingestellt. Die Gitarrenschule ist für ihn nicht der Nebenjob, sondern die Grundlage.

„Ich will dieses Musikerding jetzt komplett machen.“

Dabei wird ihm schnell klar, dass ein Musiker heute mehr können muss, als Konzerte zu spielen und Songs zu schreiben. Chris unterrichtet inzwischen mehr als 100 Schülerinnen und Schüler, gibt Kurse und Workshops an Grund- und weiterführenden Schulen und verdient damit den größten Teil seines Lebensunterhalts. Die Band ist das zweite Standbein.

„Ich bin sehr happy, dass ich da beides habe, weil ich glaub, anders geht’s nicht.“

Das ist einer der realistischsten Punkte des Gesprächs. Wer heute von seiner Leidenschaft leben will, braucht in den meisten Fällen mehrere Einnahmequellen – und zwar von Anfang an, nicht als Notlösung. Für Chris hat diese Kombination noch einen zweiten Vorteil: Er kann sein Wissen weitergeben.

Gerade bei den jüngeren Schülern geht es ihm dabei um mehr als Akkorde und Technik.

„Die sollen sich ausprobieren können. Die sollen einen spielerischen Zugang zu Kreativität und zu Kultur erfahren.“

Sein Rat an die Kinder passt gut zu diesem Podcast: Sei du selbst, sei Künstler, tanz auch mal ein bisschen aus der Reihe.

Wenn aus Leidenschaft ein Beruf wird

Unter der Woche Gitarrenunterricht, am Wochenende Konzerte, dazwischen Songwriting und Organisation: Chris hat keinen ruhigen Arbeitsalltag. Wie hält man das aus, ohne auszubrennen?

Seine Antwort ist eindeutig. Er unterscheidet zwischen Brennen und Verbrennen. Wer etwas macht, für das er eine echte Leidenschaft hat, könne sehr viel Zeit und Energie investieren, ohne daran kaputtzugehen. Kaputt mache einen eher der gut bezahlte Job, den man innerlich hasst.

„Wenn du wirklich was findest, was voll dein Ding ist, dann kannst du auch nicht ausbrennen. Dann brennst du dafür.“

Dieser Satz beschreibt Chris gut. Denn einfach war sein Weg nicht. Er hat über Jahre investiert, ohne zu wissen, ob es irgendwann reichen würde.

Corona als Härtetest für die junge Selbstständigkeit

Ausgerechnet als Chris mit der Gitarrenschule richtig loslegen will, kommt Corona. Im Herbst 2019 hat er die ersten Schüler, wenige Monate später muss er schließen. Gleichzeitig sind sämtliche Konzerte gestrichen.

Chris hatte kurz zuvor gekündigt und damit sein Sicherheitsnetz aufgegeben – nach eigener Aussage alles auf eine Karte gesetzt.

„Und dann hieß es auf einmal: So, jetzt kannst du abschließen.“

Das war ein Schock. Er habe sich hingesetzt und gedacht, dass er vielleicht besser im Musikladen geblieben wäre und die Sache nebenberuflich aufgezogen hätte. Der Satz fällt im Gespräch ohne Umschweife, und er ist einer der ehrlichsten Momente der Folge.

Gerettet hat ihn am Ende nicht ein aufgegangener Plan, sondern die Möglichkeit, den Unterricht online weiterzuführen. Verglichen mit Musikern, die ausschließlich von Konzerten lebten, stand er damit besser da – leicht war es trotzdem nicht.

Chris Di Febo von Snakebite live in Aktion  (Copyright Snakebite)

Träume brauchen einen Plan

Wenn Chris über seinen Weg spricht, geht es deshalb nicht darum, einfach dem Traum zu folgen und zu hoffen, dass alles gut wird. Er glaubt an Träume, aber nicht nur daran.

„Träume sollte man haben. Muss man haben. Man sollte aber nicht nur träumen.“

Für ihn bedeutet das: einen Plan machen, dranbleiben und akzeptieren, dass der Weg viel länger dauern kann, als man zunächst denkt. Zehn Jahre in eine Band zu investieren, ohne nennenswert Geld zu verdienen, klingt zunächst nicht nach einer Erfolgsgeschichte. Chris sieht es heute anders – und er hat einen klaren Rat an alle, die noch warten.

„Du wirst niemals bereit sein. Es wird nicht der Moment kommen, wo du merkst: Jetzt mach ich’s.“

Was er stattdessen empfiehlt und wie er selbst diesen Punkt überwunden hat, erzählt er im Gespräch.

Im Interview erzählt Chris außerdem, wie sich die erste eigene Headliner-Tour anfühlt, wenn man die Zuschauerzahlen erst am Konzerttag erfährt — und warum er sich heimlich in den Anfängerkurs seines eigenen Idols eingeschrieben hat.

Mein Fazit

Was mir an Chris’ Geschichte gefällt: Es ist keine Erfolgsgeschichte mit großem Durchbruch. Es gab nicht den einen Moment, in dem alle Türen offenstanden. Es gab sieben Leute vor der Bühne, zehn Jahre ohne wirklichen Ertrag und einen Jahresurlaub, der jedes Jahr komplett draufging.

Bleibt die Frage, die er im Gespräch beantwortet und die weit über Musik hinausgeht: Wie lange hältst du an etwas fest, wenn du nicht weißt, ob es jemals funktioniert?

FAQs zu Chris Di Febo und Snakebite

Wer ist Chris Di Febo?

Chris Di Febo ist Gitarrist, Songwriter und Gitarrenlehrer aus dem Ruhrgebiet. Er spielt in der Rockband Snakebite und betreibt in Gelsenkirchen die Pott ’n’ Roll Gitarrenschule. Dort unterrichtet er mehr als 100 Schülerinnen und Schüler.

Wie kam Chris Di Febo zur Gitarre?

Mit 13 Jahren entdeckte Chris seine Leidenschaft für die Gitarre durch eine AC/DC-DVD. Besonders Angus Young beeindruckte ihn. Kurz darauf begann er mit dem Gitarrenunterricht und arbeitete sich über die Jahre vom Hobbygitarristen zum professionellen Musiker vor.

Seit wann spielt Chris Di Febo bei Snakebite?

Chris ist seit 2015 Teil von Snakebite. Mit der Band hat er inzwischen mehr als 200 Konzerte gespielt und war unter anderem als Support von The New Roses unterwegs.

Wie lange dauert es, von der eigenen Leidenschaft leben zu können?

Bei Chris Di Febo waren es rund zehn Jahre, in denen er in seine Musik investierte, ohne nennenswert etwas zu verdienen. Er beschreibt diese Phase als den Punkt, an dem die meisten aufgeben – nicht wegen fehlenden Talents, sondern weil der lange Atem fehlt. Erst danach kam der erste spürbare Sprung.

Kann man als Musiker heute noch vom Musikmachen leben?

Chris’ Geschichte zeigt, dass dafür meist mehrere Standbeine nötig sind. Den größten Teil seines Einkommens verdient er mit Gitarrenunterricht, Workshops und seiner eigenen Gitarrenschule. Die Band ist das zweite Standbein, finanziert vor allem über Konzerte und Merchandise – Streaming spielt dabei kaum eine Rolle.

Was ist die Pott ’n’ Roll Gitarrenschule?

Die Pott ’n’ Roll Gitarrenschule ist Chris’ eigene Musikschule in Gelsenkirchen. Dort unterrichtet er Kinder, Jugendliche und Erwachsene und vermittelt neben Gitarrentechnik vor allem einen kreativen und individuellen Zugang zur Musik. Der Name spielt auf den Ruhrpott an, in dem Chris zu Hause ist.

Was bedeutet Durchhaltevermögen für Chris Di Febo?

Für Chris bedeutet Durchhaltevermögen, auch dann weiterzumachen, wenn der Erfolg ausbleibt. Über viele Jahre hat er in seine Musik investiert, kleine Konzerte gespielt und parallel andere Jobs gemacht. Sein Credo: Die meisten scheitern nicht an fehlendem Talent, sondern daran, dass sie zu früh aufgeben.

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