Marie und Asad (Freiradeln): Mit dem Fahrrad von Hamburg nach Pakistan

Folge: 50

19 Monate, 15.000 Kilometer, zwei Fahrräder und ein gemeinsames Ziel: Pakistan. Marie und Asad haben kurz nach ihrer Hochzeit ihre Jobs aufgegeben, ihre Wohnungstür hinter sich geschlossen und sind von Dänemark aus in Richtung Süden geradelt – durch Schweden, Osteuropa, den Balkan, die Türkei, Georgien und den Iran. Beim Interview sind sie gerade seit fünf Wochen in Pakistan, kurz vor der indischen Grenze, und haben noch keinen einzigen Tag bereut. Ihr YouTube-Kanal und Blog heißt Freiradeln – und dieser Name ist Programm.

Inhalt

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Wer sind Marie und Asad von Freiradeln?

Marie kommt aus der Nähe von Bielefeld, hat eine deutsche Mutter und einen französischen Vater und arbeitete bis kurz vor der Reise im Marketing. Asad ist gebürtiger Hamburger mit pakistanischen Wurzeln, hat in Deutschland zwei Unternehmen gegründet und spricht Urdu als Muttersprache. Kennengelernt haben sie sich nicht auf Reisen, sondern an der Uni – über die Studentenorganisation AIESEC, bei einer Konferenz in Hamburg.

Im Frühjahr 2022 haben sie geheiratet – und einen Monat später sind sie losgeradelt. Was als Maries Idee für eine Fahrradtour nach Kroatien begann, wurde durch Asads lässiges Gegenargument – „Wenn du was Ordentliches machen willst, mach eine Weltreise” – zur mehrjährigen Reise. Zwei Monate Vorlaufzeit, dann ging es los.

Shownotes

Freiradeln auf Tour
Marie und Asad auf ihrer langen Tour mit den Fahrrädern.

Was bedeutet Glück?

Für Asad ist die Antwort klar:

„Für mich persönlich Glück: wenn ich weder auf meinen Geldbeutel noch auf kulturelle, familiäre, religiöse oder irgendwelche Sachen achten muss und einfach die Freiheit habe, das zu tun, was ich machen möchte. In Freiheit leben – das ist für mich Glück.”

Marie ergänzt mit einem Aspekt, der aus der Reise entstanden ist:

„Für mich ist das auch definitiv die Freiheit – zu reisen, wie ich möchte, wohin ich möchte, und wie lange. Zusätzlich ist es für mich aber auch die Gesundheit. Die eigene Gesundheit ist wichtig, damit man das überhaupt machen kann – und die Gesundheit der Familie zu Hause macht mich glücklich, wenn alle gesund sind.”

Der Auslöser: Kroatien, eine Weltreise und ein Mann, der sein Wort hält

Die Ursprungsidee war bescheiden:

„Ich wollte nach dem Master mal mit dem Fahrrad nach Kroatien fahren. Ich wusste nicht mal, dass man mit Fahrrad und Gepäck in andere Länder fahren kann – als ich das im Internet gesehen hab, war ich total angefixt.”

Asad war weniger begeistert – zumindest von Kroatien:

„Ich wollte einfach, dass sie aus meinem Arbeitszimmer rausgeht und mich in Ruhe lässt. Hab ihr gesagt: Nee, ich mach so einen kleinen Kram nicht – wenn du mal was Ordentliches machen willst, sowas wie eine Weltreise, dann komm noch mal vorbei.”

Eine Woche später stand Marie wieder in der Tür. Und weil ein Mann ein Wort ist, waren sie zwei Monate später unterwegs.

Getrennt gestartet: Selbstständigkeit als erste Lektion

Obwohl sie gemeinsam reisen, sind Marie und Asad bewusst getrennt gestartet – Marie eine gute Woche vor Asad:

„Uns war es wichtig, dass jeder alles machen können sollte. Falls mal der andere krank ist, sollte der andere in der Lage sein, das Fahrrad zu reparieren, zu kochen, das Zelt aufzubauen.”

Marie beschreibt, was diese Phase des Alleinreisens ihr gebracht hat:

„Man muss alleine die Route planen, alleine wissen, wo man am Abend landet, wo man das nächste Wasser herbekommt. Alles alleine zu organisieren und auf sich selbst angewiesen zu sein – das ist eine sehr, sehr wichtige Erfahrung.”

Getroffen haben sie sich rund eine gute Woche später in Schweden – just zu dem Zeitpunkt, als ihre Fahrräder gestohlen wurden.

Fahrraddiebstahl in Schweden: Rückschlag, aber kein Stopp

Der erste größere Schock kam früh:

„Zurückgehen war irgendwie nie eine Option, weil wir uns ja entschieden hatten, loszugehen und diese Reise zu machen. Relativ schnell war uns beiden bewusst: Nee, wir versuchen einfach neue Räder zu organisieren, und die Reise geht weiter.”

Marie und Asad teilten die Aufgaben auf – er übernahm Polizei, Versicherung und Bürokratie, sie rief den Hamburger Fahrradhändler Tränker an. Drei Wochen auf den Tag genau nach dem Diebstahl hatten sie neue Räder in der Hand – eigens für sie produziert, weil die Modelle ausverkauft waren.

„Wenn man etwas so sehr möchte wie wir diese Reise, dann findet man eine Lösung für das Problem.”

Freiradeln Panne Fahrrad

Winter in Osteuropa: Schnee, Kälte und klopfen bei Fremden

Die Route führte von Schweden über Finnland ins Baltikum und von dort durch Osteuropa – direkt in den Winter hinein:

„Ab Slowenien hat es richtig heftig angefangen zu schneien. Mindestens die Hälfte von Kroatien sind wir fast im Schnee versackt – jeden Tag. Es war wirklich, wirklich kalt und nass.”

Zelte waren im Schnee keine Option. Die Lösung: an Privathäusern klopfen:

„Jedes Mal, wenn wir geklopft haben, haben die Leute uns aufgemacht – Tee, Kekse, Gespräche, alles Mögliche. Ihr erster Abend in Kroatien: eine Frau, die 30 Jahre in der Schweiz gelebt hatte, öffnete die Tür und lud sie in ihr Gästezimmer ein.”

Asad litt unter einer Durchblutungsstörung, bei der seine Finger ab plus zehn Grad taub werden:

„Bei Minusgraden ist es richtig schlimm – beim Zeltaufbau, Schloss aufmachen, Gepäck reinholen. Jetzt rückblickend verstehe ich gar nicht, wie wir das gemacht haben.”

Bergkarabach-Flüchtlinge: Eine Begegnung, die bleibt

Auf einer Straße in Armenien passierten sie den aktiven Bergkarabach-Konflikt – und erlebten, was es bedeutet, auf der privilegierten Seite einer Reise zu sein:

„Wir sind auf einer Straße gefahren, wo uns die Kolonnen den ganzen Tag entgegenkamen. Autos jeglicher Art mit allem Hab und Gut auf dem Dach – und viele haben uns aus dem Fenster gewunken, mit entsetzten Gesichtsausdrücken, die zeigten: Spinnt ihr eigentlich? Was fahrt ihr in die falsche Richtung?”

An einer Raststätte sprach eine Frau Marie an – sie kamen aus Bergkarabach:

„Mit dem bisschen, was man kommunizieren kann, brauchte es nicht viele Wörter. Ich wusste, dass da eine Frau mit gebrochenem Herzen vor mir steht. Ich habe sie einfach fest in den Arm genommen und ganz lang gehalten, bis sie durchatmen konnte.”

Iran: Das gastfreundlichste Land der Welt

Der Iran ist unter Radreisenden legendär – und Marie und Asad bestätigen das eindrücklich:

„Ich war schon in 85 Ländern und Japan war immer mein Favorit. Aber die Gastfreundschaft, die man im Iran kriegt, habe ich nirgendwo anders auf der Welt erlebt.”

Auch eine zwölfstündige Polizeibefragung – weil ein Foto versehentlich eine Nuklearanlage im Hintergrund zeigte – endete harmlos:

„Die begegnen einem so, wie man denen begegnet. Wenn du freundlich bist, lächelst, vielleicht einen kleinen Scherz machst – dann spiegeln die das, und du denkst: Boah, das sind jetzt alle meine neuen Freunde.”

Marie empfiehlt ausdrücklich, den Iran zu bereisen – und dabei Hostels und lokale Plattformen wie Warmshowers zu nutzen:

„Trefft dort ganz viele Locals – die machen das Land aus. Und verlasst euch nicht darauf, was die Nachrichten euch sagen.”

Bakterielle Infektion in Kappadokien: Zelten in einer 3.000 Jahre alten Höhle

In der Türkei erwischte es beide gleichzeitig – mit einer bakteriellen Infektion, bei der Marie kaum stehen konnte:

„Zwei Minuten konnte ich stehen, gekrümmt – und dann ging es schon nicht mehr. Asad konnte wenigstens unser Gepäck fahrbereit machen. Wir hatten das große Glück, dass zwei andere Radreisende vor Ort waren, die uns mit dem Auto ins fünf Kilometer entfernte Krankenhaus fuhren.”

Die Nächte davor: in einer 2.500 bis 3.000 Jahre alten Höhle bei Kappadokien, mit Zelt, Sturm und Gewitter draußen. Nach dem Krankenhaus folgte Zwangspause – und danach ein Sprint von 550 Kilometern in fünf Tagen, weil das Türkei-Visum ablief.

Freiradeln Wüste

Pakistan: Endlich angekommen – und angekommen

Anfang Februar überquerten sie die Grenze nach Pakistan – nach der obligatorischen, von anderen Reisenden gefürchteten Polizeieskorte durch Belutschistan (650 km in zwei Tagen, 23 Eskortenwechsel). Für Asad, der glücklicherweise im Van eines anderen Reisenden mitfahren konnte, war die Ankunft emotional:

„Pakistan war das erste Land, wo ich das Gefühl hatte, wirklich zu Hause angekommen zu sein. Überall Leute, die so aussehen wie ich, jeder spricht meine Muttersprache, und das Essen ist, was ich zu Hause von meiner Mutter bekommen habe.”

Dabei war er als Kind nur einmal, im Alter von vier oder fünf Jahren, in Pakistan – daran erinnert er sich nicht.

Die Reise geht weiter: Pamir Highway, China, Südafrika

Ein Rückflug nach Deutschland ist nicht geplant. Die Route führt weiter über den Karakorum Highway nach China, dann Zentralasien, den legendären Pamir Highway zurück in den Iran – und von dort auf die arabische Halbinsel Richtung Südafrika:

„Solange wir gesund sind und Lust drauf haben und die Familie zu Hause gesund ist, machen wir das weiter. Open End.”

Afghanistan – Asads Wunschroute – hat Marie vetoed. Zurecht, wie er selbst zugibt.

Wordshuffle: Marie und Asad in Schlagworten

  • Organisation (Marie) – „Wenn du nicht weißt, wo dein Zeug ist in deinen Taschen, wenn du nicht weißt, wo das nächste Wasser ist – dann bist du aufgeschmissen. Eine gute Grundorganisation ist ein grundlegender Baustein.”

  • Herausforderung (Asad) – „Jeden Tag weißt du nicht, wo du schlafen wirst, was am nächsten Tag passieren wird. Gerade wenn etwas Schlechtes kommt – das sind ja die Sachen, die man gerne später erzählen möchte.”

  • Ziele (Marie) – „Pläne sind dazu da, um über den Haufen geworfen zu werden. Jedes Mal war es die richtige Entscheidung.”

  • Geld (Asad) – „Was bringt dir Geld, wenn du keine Zeit hast, es auszugeben? Je länger wir reisen, desto weniger bedeutet mir Geld.”

  • Karriere (Marie) – „Nichts könnte mir weniger wichtig sein. Wir haben unser Wertesystem komplett an diesem Karriere-Gedanken dran vorbei entwickelt.”

  • Heimat (Asad) – „Ich habe alles Deutschland zu verdanken – aber in Pakistan fühlt sich das irgendwie wie zu Hause an. Ich hänge ein bisschen zwischen beiden Ländern.”

  • Mut (Marie) – „Mut hat jeder. Man muss nur einmal ganz tief in sich hineinblicken. Je mehr man macht, desto mutiger wird man – wie ein Schneeball, der ins Rollen kommt.”

FAQs: Marie und Asad von Freiradeln

Wer sind Marie und Asad von Freiradeln?
Marie und Asad sind ein deutsch-pakistanisches Ehepaar aus Hamburg, das seit 2022 mit Fahrrädern durch die Welt reist. Auf ihrem YouTube-Kanal und Blog „Freiradeln” dokumentieren sie ihre Reise durch Skandinavien, Osteuropa, die Türkei, den Iran und Pakistan. Ziel ist Südafrika – wann sie ankommen, ist offen.

Welche Route fährt Freiradeln?
Marie und Asad starteten in Dänemark, fuhren durch Schweden, Finnland, das Baltikum, Osteuropa, Slowenien, Kroatien, die Türkei, Georgien, Armenien und den Iran nach Pakistan. Von dort ist der Plan: Karakorum Highway → China → Zentralasien/Pamir Highway → Iran → Arabische Halbinsel → Südafrika.

Wie finanzieren Marie und Asad ihre Fahrradreise?
Asad führt von unterwegs sein deutsches Unternehmen – jeden zweiten bis dritten Tag eine Stunde am Morgen. Marie hat ihren Marketing-Job für die Reise aufgegeben. Dazu kommen Ersparnisse und kleine Einnahmen über YouTube. Das Reisen mit dem Fahrrad ist generell günstig: zelten, keine Transportkosten, niedrige Lebenshaltungskosten unterwegs.

Ist der Iran für Radreisende sicher?
Nach Erfahrung von Freiradeln: ja – wenn man sich an lokale Regeln hält (Kopftuch für Frauen, keine kurzen Ärmel für Männer, keine Fotos sensibler Infrastruktur). Der Iran gilt unter Radreisenden als eines der gastfreundlichsten Länder der Welt. Die Unterscheidung zwischen Regime und Bevölkerung ist dabei zentral.

Was ist die Polizeieskorte in Belutschistan, Pakistan?
Jeder Reisende, der von Iran nach Pakistan einreist, bekommt durch die unsichere Provinz Belutschistan eine Pflicht-Polizeieskorte für ca. 650 Kilometer. Die Eskorte wechselt alle paar Kilometer – insgesamt 23 bis 25 Fahrzeugwechsel in zwei Tagen. Marie und Asad konnten diese Strecke im Van eines Mitreisenden verbringen.

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Ein Kommentar

  1. Sehr kurzweiliges Gespräch. Sympathisches Duo. Hat mir gut gefallen.

    Mich hätte noch interessiert, wie es im Detail zum Fahrraddiebstahl gekommen ist. Ist ja nicht unerheblich, wenn einem das Wichtigste auf einer Radreise quasi unterm Hintern weggeklaut wird. Waren ja sicherlich auch speziell für die Reise präperierte Räder. Wer interessiert sich dafür und dann auch noch für Beide? Und das in Schweden, wo man so etwas weniger vermutet?

    Bei den Erkrankungen war ich doch sehr erstaunt, dass keine Selbstzweifel an dem Vorhaben aufgekommen sind. Zumindest kam das im Gespräch nicht so sehr für mich rüber. Ebenso bei der Situation mit den entgegenkomenden Flüchtlingen, die zwar schon näher beleuchtet wurde, aber für mein Empfinden dann doch zu wenig erklärte, warum man stoisch weiter auf die Richtung der Gefahr zuhält. “Weil wir in den Süden wollten” ist mir da als Beweggrund zu wenig. WIe ich das wahrgenommen habe, hätte ich mir in der Situation einen deutlichen Umweg in den Süden gesucht.

    Aber wirklich sehr interessante 50. Folge!

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