Carmen Goglin: Wie Lach-Yoga aus der Depression ins Fernsehen führte

Folge: 40

80 YouTube-Abonnenten. Einminütige Videos, in denen eine Frau aus Reutlingen lacht – allein, ohne Grund, für die Kamera. Dann parodiert ein Rapper mit Millionen-Reichweite ein ihrer Videos. Hasswellen, Fernseheinladungen, ein TEDx-Talk, ein virales Instagram-Reel mit 5 Millionen Aufrufen – und ein Buch. Carmen Goglin war 2020 noch tief in der Depression. Heute folgen ihr über 120.000 Menschen auf Instagram. Was dazwischen liegt, ist keine Erfolgsgeschichte im klassischen Sinne. Es ist eine Geschichte über Mut, Loslassen und die Kraft des Lachens – auch wenn es sich anfangs gar nicht lustig anfühlt.

Inhalt

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Wer ist Carmen Goglin?

Carmen Goglin ist Lach-Yoga-Trainerin, Interimsmanagerin im Personalwesen und Buchautorin aus Reutlingen. Sie wuchs in Ostdeutschland auf, zog um 2000 mit ihrer Familie nach Baden-Württemberg und machte sich nach der Insolvenz ihres letzten Arbeitgebers selbstständig – heute seit 16 Jahren. Nebenberuflich betreibt sie ihr sogenanntes Herzensbusiness: Lach-Yoga-Videos auf YouTube und Instagram, Bühnenauftritte und Workshops. Ihr Buch „Oma geht viral – Lachen und Hass: zwei Seiten von Sichtbarkeit” erschien über den Verlag des Angstfrei-Kongresses in Bern und verarbeitet ihre rasante Reise vom Nischenvideo zur viralen Bekanntheit.

Shownotes

Carmen Goglin Portrait

Was bedeutet Glück?

Carmens Antwort ist so klar wie ihr Lachen:

„Dass ich zufrieden mit mir bin. Und dass ich was tun kann, was mir Spaß macht und dass ich irgendwas bewirke in der Welt.”

Kein großes Konzept, keine spirituelle Theorie. Glück ist für Carmen innere Zufriedenheit plus Wirkung – die Überzeugung, dass das, was man tut, andere Menschen erreicht und verändert. Diese Definition hat sie sich hart erarbeitet.

Von der Grundschullehrerin zur Interimsmanagerin

Carmen startete ihre Karriere als Grundschullehrerin, entwickelte sich über die Jahre ins Personalwesen und ist heute seit über 30 Jahren in diesem Bereich tätig – die letzten 16 davon selbstständig als Interimsmanagerin. Sie unterstützt Unternehmen projektweise bei der Personalarbeit.

Die Selbstständigkeit begann nicht aus Leidenschaft, sondern aus Notwendigkeit: Ihr letzter Arbeitgeber ging in Insolvenz. Was folgte, war mehr Arbeit, mehr Freiheit – und irgendwann zu viel von beidem:

„Meine Chefin gibt mir keinen Urlaub. Ich war ja meine Chefin. Also von der Seite her verbietet man sich manchmal auch Sachen, die vielleicht notwendig wären.”

Die Depression: Wenn Pflichterfüllung nicht mehr geht

Das Überschreiten eigener Grenzen, kein Urlaub, kein Pausenrecht – irgendwann zahlte Carmen einen hohen Preis. Die Depression kam schleichend:

„Es kam so der Punkt, wo ich meine Pflicht nicht mehr erfüllen konnte. Da war einfach ein Punkt, wo ich nicht mehr handlungsfähig war. Ohnmächtig, könnte man sagen.”

Die Diagnose vom Arzt wollte sie zunächst nicht annehmen: „Nein, um Gottes Willen.” Sie begann eine klassische Psychotherapie – und merkte nach drei Jahren, dass sich wenig verändert hatte. Die Energie blieb weg. Nach Kundenterminen war sie erschöpft, die Wochenenden leer.

„Irgendwo fehlte mir immer noch die Energie. Das war das Schlimmste für mich.”

Die Entdeckung: Lach-Yoga als Ausweg aus der Depression

Carmen begann selbst zu suchen – und stieß auf Lach-Yoga:

„Lach-Yoga ist Lachen ohne Grund. Man lacht einfach, obwohl es nichts Lustiges gibt im Außen. Es braucht die Entscheidung. Ich entscheide mich dazu zu lachen – und dann kann ich einfach loslachen.”

Der entscheidende wissenschaftliche Hintergrund: Der Körper unterscheidet nicht zwischen echtem und künstlichem Lachen. Die positiven physiologischen Effekte – Endorphinausschüttung, Sauerstoffversorgung, Stressabbau – entstehen in beiden Fällen:

„Man kann nicht gleichzeitig grübeln und lachen. Beim Lachen ist man im Hier und Jetzt. Und dadurch hat man schon eine Erleichterung und eine Entstressung für sich selber.”

Was Lach-Yoga für Carmen über die körperlichen Effekte hinaus bewirkte: Sie konnte wieder fühlen.

„Es war so ein Gefühlsstau da, gerade zur Depression. Und ich kam dann auch wieder an meine Tränen ran und ich kam dann auch wieder an andere Gefühle ran. Das hat bei mir ganz viel ins Fließen gebracht.”

Ein Jahr nach dem ersten Kurs machte sie die Ausbildung zur Lach-Yoga-Lehrerin.

Was ist Lach-Yoga? – Die wichtigsten Grundlagen

Lach-Yoga wurde in den 1990er-Jahren vom indischen Arzt Dr. Madan Kataria entwickelt. Es kombiniert freiwilliges Lachen mit Atemübungen aus dem Yoga – und kommt ohne Witze, Komik oder Humor aus. Die wichtigsten Grundprinzipien:

  • Lachen als Entscheidung: Man lacht nicht weil etwas lustig ist, sondern weil man es beschließt

  • Körper vor Geist: Der Körper reagiert auf künstliches Lachen genauso wie auf echtes – mit Endorphinen, reduziertem Cortisol und mehr Sauerstoff im Blut

  • Grübelunterbrecher: Lachen und Grübeln schließen sich physiologisch aus – Lach-Yoga unterbricht Gedankenspiralen

  • Niedrigschwellig: Keine Vorkenntnisse, keine Fitness, keine Ausrüstung notwendig – geeignet für alle Altersgruppen

  • Gemeinschaft: In Lachtreffs und Gruppen verstärkt sich der Effekt durch sozialen Kontakt und gemeinsames Lachen

    „Ich bin nicht dafür, alles wegzulachen und überall zu lachen. Aber das als Technik zu nutzen und zu sagen: Heute brauche ich Energie, heute muss ich abliefern – und es dann wirklich machen zu können: das finde ich sehr hilfreich.”

80 Abonnenten – und dann parodiert ein Rapper ihre Videos

Carmen begann, Lach-Yoga-Videos zu drehen – ursprünglich für sich selbst und für Menschen, denen es ähnlich ging wie ihr. Kurze, einminütige Clips, eine Übung pro Video, auf YouTube und Facebook:

„Ganz blauäugig ins Netz gestellt.”

Im November 2020: 80 YouTube-Abonnenten. Dann passierte etwas, das sie nicht kommen sah: Der Rapper Finch Asozial parodierte ihr bekanntestes Video – das „Lachen rund um den Baum”. Was folgte, war ein Schauer:

„So eine Parodie auf sich selber zu sehen, fand ich in dem Moment nicht so sehr lustig.”

Die Haterwelle kam sofort. Kommentare wie „Die Alte ist bekloppt” und Forderungen nach Zwangseinweisung. Carmen – gerade erst aus der Depression herausgekommen – stand plötzlich im Kreuzfeuer der Internetöffentlichkeit.

„Ich wollte ja was Gutes, ich wollte ja was erreichen. Und dann wurde ich so verspottet und beschimpft. Da habe ich erstmal die Welt nicht verstanden.”

Doch genau dieses Video – heute mit 1,4 Millionen Aufrufen auf YouTube – machte Presse, Funk und Fernsehen auf sie aufmerksam.

Frühstücksfernsehen, Thomas Gottschalk und 5 gegen Jauch

Was nach der Haterwelle kam, war ein Medienmarathon: Fernseheinladungen, Radiobeiträge, Live-Auftritte. Highlights:

  • Thomas Gottschalk beim Radio – und die Erkenntnis, dass er ein Kopfmensch ist, dem das spontane Lachen schwerfällt

  • 5 gegen Jauch – mit Prominenten auf dem Podium

  • Britt der Talk – eines ihrer liebsten TV-Formate

  • TEDx Talk in Freiburg – 18 Minuten, ein vollbesetzter Saal, der mitlachte

  • Angstfrei-Kongress in Bern – eine Stunde Vortrag, aus dem dann der Buchvertrag entstand

    „Diese Energie zu spüren, wie ich die Leute dann auch erreiche und mitnehmen kann und lachen kann – das war was ganz Besonderes für mich.”

Instagram-Hack, Drohungen und die Lachzigarette mit 5 Millionen Aufrufen

Der Weg war nicht ohne Rückschläge. Ihr Instagram-Account wurde gehackt – 20.000 Follower über Nacht weg, kein Zugriff mehr, keine Möglichkeit zu antworten:

„In dem Moment war das ganz schrecklich. Aber irgendwann hat es sich relativiert. Ich bin nicht mein Instagram-Account. Ich als Mensch bin noch genauso viel wert, auch wenn ich weniger Follower habe.”

Und dann kam die Lachzigarette: Eine imaginäre Zigarette zwischen den Fingern, einatmen, die Luft lachend ausatmen. Einfach, kurz, merkwürdig – und 5 Millionen Mal aufgerufen.

„Ich war natürlich auch erstaunt, was das für eine Welle ausgelöst hat.”

Heute: über 126.000 Follower auf Instagram, fast 30.000 Abonnenten auf YouTube, und ein dritter Anlauf auf TikTok – wegen der dort nochmals schärferen Kommentarkultur bewusst als Mutprobe:

„Dann habe ich gedacht, jetzt zeigst du dir doch selber noch mal, wer weiß es dir doch, dass du wirklich drüber stehst.”

Das Buch: „Oma geht viral”

Aus dem Angstfrei-Kongress in Bern entstand der Kontakt zu einem Verlag – und Carmen veröffentlichte ihr erstes Buch. „Oma geht viral – Lachen und Hass: zwei Seiten von Sichtbarkeit” ist gleichzeitig Erfahrungsbericht, Lach-Yoga-Ratgeber und Mutmachbuch.

„Diese Geschichte ist so unglaublich, die muss ich einfach schreiben.”

Im Buch enthalten: ihre Geschichte von der Depression über die Parodie bis zur Medienpräsenz, zahlreiche Lachübungen und die ehrliche Auseinandersetzung mit Hass, Sichtbarkeit und dem Preis des Viral-Gehens.

Was sie gelernt hat: Nein sagen und loslassen

Zwei Jahre Achterbahn haben Carmen verändert. Was sie heute besser kann als je zuvor:

„Ich kann den Leuten die Freiheit geben, über mich zu denken, was sie wollen. Jeder darf über mich denken, über mich sagen, was er will. Ich kann es eh nicht verändern. Aber da auch hinzukommen und zu sagen: Es muss nicht jeder mich gut finden – das ist ein Riesenschritt in die Freiheit.”

Und die Depression?

„Ich würde nicht sagen, dass ich jetzt komplett geheilt bin. Aber ich akzeptiere depressive Phasen genauso wie Glücksphasen – und sie gehören beide zum Leben dazu. Das hat es sehr entspannt.”

Wordshuffle: Carmen Goglin in Schlagworten

  • T-Shirt-Shop – „Man kann mit T-Shirts mit meinem Konterfein rumlaufen, wenn man das möchte. Mein Sohn wird das nicht anziehen – ich zwinge ihn auch nicht dazu.”

  • Sichtbarkeit – „Schön, wenn man sich aussuchen kann, wie und wann man sichtbar wird. Wenn man davon überfallen wird, kann es eine Herausforderung sein.”

  • Heimat – „Das darf man in sich selbst finden. Ich fühle mich in Reutlingen beheimatet genauso wie in Dresden, wo meine Mutter wohnt.”

  • Yoga – „Ich bin niemand, der sich gut verbiegen kann. Lach-Yoga heißt es, weil es Lachübungen und Atemübungen aus dem Yoga kombiniert – aber ich bin kein Yoga-Fanatiker.”

  • Social Media – „Fluch und Segen. Man kann sich schnell mit Menschen verbinden, aber es ist teilweise auch trennend. Und man ist auf Plattformen angewiesen, die einem nicht gehören.”

  • Familie – „Sehr wichtig. Ich habe vier Enkelkinder. Das fünfte ist unterwegs.”

  • Konkurrenz – „Die habe ich für mich beendet. Ich möchte mit niemandem konkurrieren, sondern mich authentisch zeigen.”

  • Mut – „Den brauchte ich immer wieder. Um immer wieder weiterzugehen und zu sagen: Ich zeige mich doch. Ihr könnt von mir halten, was ihr wollt.”

Zuletzt aktualisiert: April 2026


FAQs zu Carmen Goglin und Lach-Yoga

Was ist Lach-Yoga und wie funktioniert es?
Lach-Yoga ist eine Methode, bei der man ohne äußeren Anlass bewusst lacht. Es wurde in den 1990er-Jahren entwickelt und kombiniert freiwilliges Lachen mit Atemübungen. Der Körper kann nicht zwischen echtem und künstlichem Lachen unterscheiden – die positiven Effekte wie Endorphinausschüttung und Stressabbau entstehen in beiden Fällen.

Was sind die gesundheitlichen Vorteile von Lach-Yoga?
Lach-Yoga fördert die Sauerstoffversorgung des Körpers, regt die Ausschüttung von Endorphinen an, senkt Cortisol-Spiegel und unterbricht Grübelspiralen. Carmen Goglin nutzte es zur Überwindung einer Depression, weil es ihr half, aus dem Gedankenkarussell auszusteigen und wieder Zugang zu ihren Gefühlen zu finden.

Wer ist Carmen Goglin?
Carmen Goglin ist Lach-Yoga-Trainerin, Interimsmanagerin im Personalwesen und Autorin aus Reutlingen. Sie wurde viral, nachdem der Rapper Finch Asozial eines ihrer Videos parodierte. Heute folgen ihr über 120.000 Menschen auf Instagram und fast 30.000 auf YouTube. Ihr Buch „Oma geht viral” erschien 2024.

Was ist das Buch „Oma geht viral”?
„Oma geht viral – Lachen und Hass: zwei Seiten von Sichtbarkeit” ist Carmens Erfahrungsbericht über ihren Weg von der Depression über die virale Bekanntheit bis zur Medienpräsenz. Das Buch enthält außerdem konkrete Lachübungen für den Alltag.

Was ist der Unterschied zwischen Lach-Yoga und normalem Yoga?
Lach-Yoga verwendet keine Körperposen oder Asanas. Es kombiniert bewusstes, freiwilliges Lachen mit einfachen Atemtechniken aus dem Yoga. Körperliche Flexibilität ist nicht erforderlich – die Methode ist für alle Altersgruppen und Fitnesslevels geeignet.

Kann Lach-Yoga bei Depressionen helfen?
Lach-Yoga kann ergänzend zu therapeutischen Maßnahmen hilfreich sein. Carmen Goglin nutzte es nach drei Jahren klassischer Psychotherapie, als sie noch immer mit Energiemangel kämpfte. Sie betont jedoch, dass Lach-Yoga kein Ersatz für professionelle Behandlung ist, sondern eine wirkungsvolle Ergänzung.

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