Sandra Stelzner-Mürköster: Witwe mit 30, Trauermentorin und der Mut, wieder zu leben

Folge: 53

Mit 30 Jahren geht der eigene Mann joggen – und kommt nicht zurück. Was dann passiert, bestimmt man nicht selbst: Schock, Orientierungslosigkeit, Existenzangst, ein sechs Monate altes Baby und eine Nachbarin, die vor der Tür steht und anfängt zu brüllen. Was danach passiert, bestimmt man doch selbst – wenn man den Mut aufbringt. Sandra Stelzner-Mürköster hat ihn aufgebracht. Heute ist sie Trauermentorin, zweifache Buchautorin beim Penguin Random House Verlag und lebt in München mit ihrer Familie ein Leben, das sie sich einst kaum vorstellen konnte.

Inhalt

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Wer ist Sandra Stelzner-Mürköster?

Sandra Stelzner-Mürköster ist Trauermentorin, Coach für systemische, energetische und spirituelle Fragen sowie Buchautorin aus München. Die gebürtige Kölnerin studierte Sport an der Deutschen Sporthochschule Köln und Theologie in Bonn, arbeitete danach als Gymnasiallehrerin für Sport und Theologie – bis das Leben mit 30 Jahren eine Wendung nahm, die alles veränderte. Seit 2020 arbeitet sie selbstständig als Trauerbegleiterin und Mentorin, begleitet Klientinnen und Klienten aus dem gesamten deutschsprachigen Raum virtuell durch Trauerprozesse und hat bislang zwei Bücher beim Penguin Random House Verlag veröffentlicht.

Shownotes

Was bedeutet Glück nach tiefer Trauer?

Kaum jemand kann die Frage nach dem Glück so ehrlich beantworten wie jemand, der es verloren und mühsam wiedergefunden hat. Sandra Stelzner-Mürköster braucht dafür keine große Theorie:

„Glück ist für mich die Fähigkeit, die einzelnen Momente, die eine besondere Tiefe und Schönheit in sich tragen, wahrnehmen zu können und sie mit Dankbarkeit anzunehmen. Und das können auch Kleinigkeiten sein.”

Für sie beginnt Glück mit Präsenz: die Tochter beim Spielen beobachten, eine Nachricht von jemandem bekommen, dem das Buch geholfen hat, spüren, dass man auf dem richtigen Weg ist.

„Das ist ein absolut genial geiles Gefühl, anders kann ich das gar nicht ausdrücken.”

Glück ist für Sandra keine Dauerwelle, sondern ein Bewusstseinszustand – die Fähigkeit, den Moment mit Dankbarkeit zu empfangen, auch und gerade nach dem Schmerz.

Der schicksalhafte Sonntag – dreieinhalb Wochen vor Weihnachten

Es war ein gewöhnlicher Sonntag. Sandra wartete mit dem Mittagessen. Ihr Mann Olaf ging joggen. Dann stand eine Nachbarin an der Tür:

„In der Waldstraße haben sie einen toten Jogger gefunden. Und ich sagte nur: Ich warte auf den Olaf, der kommt nicht.”

Olaf hatte einen Herzinfarkt erlitten, wurde auf der Straße wiederbelebt, per Hubschrauber in die Uniklinik nach München verlegt – und starb zwei Tage später an Sandras Seite. Ihr Sohn Tim war sechs Monate alt. Sandra war 30 Jahre jung. Dreieinhalb Wochen vor Weihnachten.

„Da ist mein Leben zerbrochen. Es war von jetzt auf gleich einfach anders und ich habe mich nicht mehr ausgekannt. Ich war haltlos, ich war orientierungslos.”

In diesem Moment, am Sterbebett ihres Mannes, gab sie ihm ein Versprechen:

„Du kannst gehen. Ich verspreche dir, wir werden es schaffen.”

Dieses Versprechen, sagt Sandra heute, hat ihr in den schwierigsten Momenten danach immer wieder Kraft gegeben.

Schritt für Schritt: Zurück ins Leben

Was folgte, war kein heroischer Aufbruch, sondern behutsames, rationales Vorwärtsgehen – Schritt für Schritt, ohne zu wissen, wohin:

„Jetzt ist mir schon mein Mann unter den Händen weggestorben. Ich habe gedacht, das kann es doch nicht gewesen sein. Das kann jetzt auch nicht mein Leben gewesen sein. Ich will mehr.”

Sie lehnte es ab, nach Köln zurückzuziehen, wie die Familie es vorschlug. Stattdessen rief sie noch in der Woche nach dem Tod ihres Mannes den Schulleiter an, mit dem sie ausgerechnet am Tag des Herzinfarkts telefoniert hatte:

„Ich weiß, ich muss jetzt was tun. Wenn ich jetzt hier einfach nur zu Hause rumsitze, werde ich verrückt. Und er sagte: Das kriegen wir alles hin, ich kümmere mich darum.”

Krippe, Ersatzoma, Erbschaft, drei Firmen auflösen – alles alleine, ohne Familie in Bayern, mit einem Säugling. Als Sandra in ihrer Verzweiflung auf dem Flurboden saß, tat sie, was ihr intuitiv einfiel: Sie schaltete eine Chiffre-Anzeige in einem lokalen Wochenanzeiger, suchte eine Ersatzoma. Und fand sie – eine Frau, die kurz zuvor ebenfalls ihren Mann verloren hatte, dieselbe Anzeige entdeckte und auf dem Weg vom Friedhof nach Hause war:

„Sie ist dann nämlich zum Friedhof gegangen, hat da auch mit ihrem Mann geschimpft und gesagt: Jetzt schick mir endlich mal jemanden, den ich lieb habe. Als sie nach Hause kam, ist unsere Anzeige ins Auge gesprungen. Das sind fast 17 Jahre jetzt.”

Trauer ist kein kaputtes Bild, das man neu aufhängt

Sandra Stelzner-Mürköster verwendet ein Bild, das besser erklärt als jedes Fachwort, warum Trauer so missverstanden wird:

„Trauer wird gerne so behandelt: Wir haben einen schiefen Nagel in der Wand. Den müssen wir rausziehen und einen geraden reinschlagen – alles wieder gut. Das funktioniert so nicht. Der Nagel bleibt krumm. Man muss andere Lösungen finden, um das Bild wieder aufzuhängen.”

Der Trauernde selbst verändert sich unwiderruflich. Trauer ist kein Problem, das man löst – sie ist ein transformierender Prozess, der geduldig gegangen werden will. Das klassische Fünfphasenmodell nach Elisabeth Kübler-Ross, sagt Sandra, ist mittlerweile überholt. Wer sich in Phasen einzuordnen versucht, sucht eine Ordnung, die Trauer nicht bietet:

„Trauer ist ein Arschloch. Du denkst, du bist jetzt komplett über den Berg – und dann gerätst du wieder in Situationen, die dich umhauen.”

Auch mit neuem Partner, mit neuem Lebensabschnitt, verändert sich das nicht vollständig. Aber es wird besser. Und irgendwann trägt man die Gewissheit in sich, dass der Trauerschmerz, wenn er kommt, auch wieder vergeht.

Von der Lehrerin zur Trauermentorin

Sandra unterrichtete viele Jahre als Gymnasiallehrerin – Sport und Theologie, in einer Schule in der Nähe von München, als alleinerziehende Witwe, die aussah wie eine Abiturientin:

„Ich stand manchmal in der Oberstufe und habe da unterrichtet. Die haben mich respektiert, aber ich habe mich an vielen Stellen überfordert gefühlt – der Job verlangt viel und ist auch stressig.”

Dazu kamen Lehrerkonferenzen, Abiturprüfungen, Schullandheime, Fachausschüsse. Als hochsensible, spirituell arbeitende Frau litt Sandra unter dem Lärm einer Dreifachturnhalle mit 90 springenden Kindern so sehr, dass sie mehrere Hörstürze erlitt. Das System erschöpfte sie. Und in ihr wuchs eine Vision:

„Ich habe immer das Gefühl gehabt: Ich möchte noch was anderes machen. Einen tieferen Sinn spüren in dem, was ich tue. Was kann ich Gutes tun in der Welt?”

2020 machte sie sich selbstständig – als Trauermentorin, Coach für systemische, energetische und spirituelle Fragen. Kein großes Startkapital, keine Werbekampagnen. Stattdessen: eine Website, Artikel für Zeitschriften, Social Media als Verbindungsmedium, und ihr stärkstes Gut – die eigene Lebenserfahrung:

„Wenn du auf jemanden triffst, der selbst diesen Weg gegangen ist und diesen Berg überqueren konnte – das macht Mut. Das erlebe ich immer wieder.”

Die Bücher: Penguin Random House, Kraftkarten und der nächste Schritt

Sandra hatte eine Vision, die sie nicht losließ: Sie wollte für den Penguin Random House Verlag schreiben – für Bertelsmann, den größten Verlag Europas.

„Ich wollte immer als Autorin für den Penguin Random House Verlag schreiben. Und das ist mir gelungen.”

Ihr erstes Buch „Zurück ins Leben finden” erschien im Frühjahr 2024 – eine Mischung aus Biografie und Ratgeber, inklusive Meditationen für Trauerphasen. Im Juli 2024 folgten die Kraftkarten „Zurück nach Hause – ins eigene innere Zuhause”: 70 Übungskarten zum intuitiven Ziehen, für Momente der Schwere, Motivationslosigkeit und Orientierungslosigkeit. Sommer 2025 erschien ihr zweites Buch: „Der Weg zurück ins Vertrauen” – über Resilienz und die langfristige Planung eines guten Lebens.

Ihr Rat an alle, die eine Vision mit sich tragen und zweifeln:

„Wenn du so eine Vision hast, dann glaube daran. Gib nicht gleich auf. Bleib dran. Es lohnt sich.”

So arbeitet Sandra heute: Begleitung im Alltag

Sandra arbeitet deutschlandweit, in der Schweiz und in Österreich – vollständig virtuell via Zoom. Was sie dabei gelernt hat:

„Einmal in der Woche zu einem 1:1-Termin zu gehen reicht nicht. Der Trauernde ist in der Zwischenzeit komplett auf sich alleine gestellt. Die größte Herausforderung ist, den Alltag wieder zu meistern.”

Deshalb bekommen ihre Intensivklientinnen und -klienten jeden Morgen Sprachnachrichten von ihr, haben jederzeit die Möglichkeit, Rückmeldung zu geben, und erhalten live zugeschnittene Meditationen aus dem gemeinsamen Zoom-Raum. Keine Gruppenarbeit, kein Ablaufplan:

„Was ich mit den Menschen erarbeite, ist so persönlich und individuell, das kann man nicht wiederholen. Da gibt es keinen Ablaufplan. Es zählt immer das Jetzt.”

Was die Gesellschaft bei Trauer falsch macht

Trauer macht Menschen in der Umgebung hilflos – und diese Hilflosigkeit äußert sich in Sätzen wie diesem, den eine Nachbarin zu Sandra sagte:

„Naja, hat ja auch jeder so sein Päckchen zu tragen. Das ist halt deins.”

Sandra blickt heute mild auf solche Momente. Sie weiß, dass sie nicht aus Gleichgültigkeit entstehen, sondern aus Überforderung:

„Trauer verträgt keine Oberflächlichkeit. Wir haben nicht gelernt, emotional wirklich Menschen aufzufangen. Und wir haben gelernt: Schmerz muss man irgendwie wegmachen. Nein. Man muss ihm Raum geben, dass er sein darf.”

Dieser gesellschaftliche Reflex – Schmerz als Problem behandeln, das gelöst werden will – ist einer der Hauptgründe, warum Trauernde sich fühlen wie Aliens auf der Erde. Sandra will das ändern: durch Bücher, Coachings, Lesungen, Social Media – und durch das konsequente Enttabuisieren eines Themas, das alle betrifft.

„Trauer und Tod werden uns alle irgendwann begegnen. Die Frage ist nur: Habe ich dann Handwerkszeug – oder bin ich einfach nur ausgeliefert?”

Wordshuffle: Sandra Stelzner-Mürköster in Schlagworten

  • München – „Meine Heimatstadt, mein Lebensgefühl. Heimat ist da, wo dein Herz ist und deine Familie. Und das ist jetzt München.”

  • Reisen – „Ich liebe es, diese Weite zu spüren und dann auch wieder nach Hause zu kommen und diese ganzen Eindrücke als Fülle und Reichtum in mir verankern zu dürfen.”

  • Social Media – „Eine wunderbare Plattform, um sich global zu vernetzen. Ich gehe nicht nach Trends, sondern gebe das raus, wo ich spüre: das hat einen Nutzen.”

  • Erinnerungen – „Am Anfang furchtbarer Schmerz. Heute sehe ich Erinnerungen als kostbare Schätze meines Herzens.”

  • Zukunft – „Mit deinem Jetzt kreierst du deine Zukunft. Mit jedem Gedanken, jeder Tat, jeder Handlung. Jeder sollte sich dieser Kraft bewusst sein.”

  • Mut – „Wut verleiht häufig Mut – dass man sich überhaupt traut, über diesen gewissen Punkt hinaus zu springen. Ich bin in meinem Leben sehr oft mutig gewesen und habe Brücken abgebrochen. Es hat sich immer gelohnt.”


FAQs zu Sandra Stelzner-Mürköster

Wer ist Sandra Stelzner-Mürköster?
Sandra Stelzner-Mürköster ist Trauermentorin, Coach und Buchautorin aus München. Sie studierte Sport und Theologie, arbeitete als Gymnasiallehrerin und wurde mit 30 Jahren plötzlich Witwe und alleinerziehende Mutter. Seit 2020 begleitet sie selbstständig Menschen durch Trauerprozesse – deutschlandweit, virtuell, hochindividuell.

Was macht eine Trauermentorin?
Eine Trauermentorin begleitet Menschen, die einen Verlust erlebt haben – ob durch den Tod eines nahestehenden Menschen, eine Trennung oder einen beruflichen Einschnitt. Sandra Stelzner-Mürköster arbeitet systemisch, energetisch und spirituell, bietet tägliche Begleitung per Sprachnachricht, persönlich zugeschnittene Meditationen und 1:1-Coachings.

Was ist der Unterschied zwischen Trauerbegleitung und Therapie?
Trauerbegleitung ist niedrigschwelliger und alltagsbegleitender als eine klassische Psychotherapie. Sie wird nicht von Krankenkassen übernommen, fokussiert auf den konkreten Weg zurück ins Leben und kombiniert bei Sandra praktische Übungen mit spiritueller Arbeit und intensivem persönlichem Kontakt.

Welche Bücher hat Sandra Stelzner-Mürköster geschrieben?
Sandra hat beim Penguin Random House Verlag zwei Bücher veröffentlicht: „Zurück ins Leben finden” (2024), eine Mischung aus Biografie und Ratgeber, und „Der Weg zurück ins Vertrauen” (2025). Ergänzend erschienen die Kraftkarten „Zurück nach Hause – ins eigene innere Zuhause” mit 70 Übungsimpulsen.

Wie lange dauert ein Trauerprozess?
Das lässt sich nicht pauschal sagen – und Sandra betont das ausdrücklich. Trauer hat keinen festen Zeitplan. Das klassische Trauerjahr oder das Fünfphasenmodell nach Kübler-Ross greifen zu kurz. Was hilft: Geduld, Selbstkenntnis, professionelle Begleitung und die Bereitschaft, sich dem Prozess zu öffnen statt ihn zu beschleunigen.

Kann man nach dem Tod des Partners wieder glücklich werden?
Ja – und das ist Sandras Kernbotschaft. Sie sagt es aus eigenem Erleben: Glück, Freude und Liebe können wieder Teil des Lebens werden. Es braucht dafür keine perfekte Methode, sondern die Bereitschaft, sich wieder verletzbar zu machen und das Leben mit offenen Armen zu empfangen.

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Zuletzt aktualisiert: April 2026

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