Johannes Thon: „Der Rucksack war nie mein Zuhause” – Jakobsweg, Ängste und die Suche nach dem eigenen Weg

Folge: 46

831 Kilometer zu Fuß – allein, ohne Job, nach dem Ende einer Beziehung und mit so gut wie keiner Reiseerfahrung. Johannes Thon wanderte 2019 den Camino del Norte und schrieb danach fast vier Jahre lang an seinem Buch „Der Rucksack war nie mein Zuhause”. Es ist kein Abenteuer-Buch über spektakuläre Highlights – sondern ein ehrliches Tagebuch über Ängste, Kontrollverlust und die Frage, wie man seinen eigenen Weg findet. Ein Interview, das viele kennen werden – auch ohne je auf dem Jakobsweg gewesen zu sein.

Inhalt

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Wer ist Johannes Thon?

Johannes Thon ist Buchautor und Jakobsweg-Pilger aus Leipzig. Er studierte und lebte lange in Deutschland ohne große Reiselust – bis ein Breakup, ein gekündigter Job und Hape Kerkelings Hörbuch „Ich bin dann mal weg” ihn auf den Camino del Norte brachten. Im Jahr 2019 wanderte er 831 Kilometer durch Nordspanien – allein, auf veganer Ernährung, mit einer selbst gesägten Gardinenstange als Wanderstab.

Sein Buch „Der Rucksack war nie mein Zuhause” erschien im Conbook Verlag und ist in 45 Kapiteln strukturiert – eines pro Pilgertag. Heute lebt er in Leipzig, arbeitet als Autor und hat seinen Leitsatz vom Jakobsweg ins Schreib-Leben übertragen: „Ich muss am Morgen noch nicht wissen, wo ich am Abend schlafe.”

Shownotes

Was bedeutet Glück?

Die Eröffnungsfrage bringt Johannes Thon zum Nachdenken:

„Glück ist für mich Zufriedenheit. Und ich merke, dass ich dann zufrieden bin, wenn ich es schaffe, mich irgendwie zu verstehen. Also wenn ich weiß, was beschäftigt mich gerade. Wenn ich jeden Tag in den Wald gehe und die Möglichkeit habe, meinen Gedanken zu folgen – das hat dazu geführt, dass ich ausgeglichen war.”

Seine Definition hat sich durch den Jakobsweg nicht grundlegend verändert – aber vertieft. Glück ist für ihn kein Zustand, sondern ein tägliches Hinhören auf sich selbst.

Johannes Thon, Jakobsweg
Johannes auf dem Camino del Norte, Bild: Johannes Thon

Der Auslöser: Hape Kerkeling, eine Bibliothek und ein Hörbuch

Der erste Gedanke an den Jakobsweg kam nicht aus einem Abenteuergeist heraus – sondern aus Unzufriedenheit:

„Ich saß in der Bibliothek, habe aus dem Fenster gestarrt und war sehr unzufrieden. Ich wollte eigentlich gern aus allem raus. Und dann stieß ich auf Hape Kerkeling. Nach einer halben Stunde habe ich die Bücher stehen gelassen und bin mit Stöpseln in den Ohren aus der Stadt rausgelaufen.”

Zwei Jahre nach diesem Moment kamen die idealen – wenn auch schmerzlichen – Startbedingungen zusammen: Die Beziehung endete, das gemeinsame Zuhause war weg, der Job gekündigt.

„Es waren wahrscheinlich nicht so die glücklichsten Umstände – aber die idealen, um das Glück zu suchen. Es war ein 0-0-0-Moment.”

Der Camino del Norte: 831 Kilometer Nordspanien

Johannes Thon startete nicht auf dem klassischen Camino Francés, sondern auf dem Camino del Norte – der Nordroute entlang der spanischen Atlantikküste. Kein Geheimtipp mehr, aber deutlich weniger überlaufen als die Hauptroute:

„Es war mächtig viel Andrang. Die Herbergen öffnen um 16 Uhr, dann bildet sich eine Reihe. Wer zu spät kommt, muss weiterlaufen – und die nächste Herberge kann 30 Kilometer entfernt sein. Das erzeugt eine Rennerei, die mein Alltag in Deutschland aufs Erschreckendste gespiegelt hat.”

Öffentliche Pilgerherbergen kosten 5 Euro pro Nacht – dafür teilt man sich mit bis zu 50 Menschen einen Schlafsaal, drei Toiletten und manchmal eine Küche ohne Herd. Johannes ernährte sich vegan: Pfeffer, Salz und Kichererbsen waren die Hauptzutaten wochenlanger Mahlzeiten.

Johannes Thon Jakobsweg Siesta

Angst als zentrales Thema: Schlafen im Freien

Das Buch dreht sich nicht um Landschaften oder Etappenziele, sondern um Angst und Kontrollverlust. Die größte Hürde war unspektakulär – und trotzdem entscheidend:

„Die Angst war: Wenn ich keinen Platz finde, wo ich schlafe, schlafe ich irgendwo draußen. Ich hatte kein Zelt dabei. Irgendwann war dann der Tag, wo ich keinen Platz fand – und ich habe mich damit konfrontiert. Wenn man das ein paar Mal macht und lernt, dass man das schafft, dann verschiebt man natürlich Grenzen.”

Die erste Nacht im Freien verbrachte er an einer Kapelle im Nirgendwo – wo er zufällig auf zwei spanische Radweltenbummler traf, die ihn aufnahmen. Nicht immer hatte er so viel Glück.

„The people are the teacher”

In einem Supermarkt sprach ihn ein älterer Spanier an – ein kurzes, scheinbar belangloses Gespräch über die Kosten des Weges. Dann:

„Er schaute mich plötzlich mit einem ganz wachen Blick an, beugte sich vor und flüsterte: ‘The people are the teacher.’ Und dann ging er weiter.”

Dieser Satz wurde zum Leitmotiv der Reise. Die wichtigsten Begegnungen waren nicht die mit spirituellen Gurus, sondern mit Menschen, die ihn spiegelten – im Guten wie im Schlechten. Besonders Nele, eine Mitpilgerin, die leichter und freier unterwegs war als er:

„Sie war so gegensätzlich wie ich. Sie hat sich nicht so viele Sorgen gemacht und hat mich damit angesteckt – nicht durch Worte, sondern durch ihre Art. Das hat meinen Weg komplett verändert.”

Santiago de Compostela: Erst ein Fragezeichen, dann ein Riesenfest

Die Ankunft in Santiago war für Johannes Thon zunächst eine Enttäuschung:

„Ich saß vor dieser Kirche und es fühlte sich an, als würde ich auf ein Pappmodell gucken. Ich konnte nicht verstehen, warum alle um mich herum so glücklich waren.”

Erst zwei Mexikaner, die ihn fragten, woher er komme und wie weit das sei, veränderten die Perspektive:

„Die saßen dann mit mir auf den staubigen Gehwegplatten – und erst durch ihre Augen habe ich verstanden: Das ist jetzt meine Bühne. Wie ein Abiball, wo man sich einmal für diese Wochen feiern lässt. Danach verstehe ich Santiago als Riesenfest.”

Die Rückkehr: Leichtigkeit und Realität prallen aufeinander

Zurück in Deutschland – an einer verregneten Tankstelle auf dem Weg nach Leipzig per Anhalter – platzte die Camino-Leichtigkeit:

„All diese Ruhe, diese Leichtigkeit, dieses Vertrauen, das ich auf dem Camino aufgebaut hatte, war plötzlich weg. Da war mir klar, wie viel schwieriger es sein wird, all diese Erkenntnisse in den Alltag zu integrieren.”

Der Jakobsweg verändert nicht automatisch alles – aber er hinterlässt Mechanismen:

„Die Erkenntnis, dass ich am Morgen noch nicht wissen muss, wo ich am Abend schlafe, hat das Buch erst ermöglicht. Ohne den Jakobsweg hätte ich mich das nie getraut. Niemals.”

Johannes Thon Jakobsweg Meer

Vom Weg zum Buch: Fast vier Jahre schreiben

Nach dem Camino sollte eigentlich eine neue Reise folgen. Corona kam dazwischen. Johannes begann zu schreiben – zunächst als Zwei-Monats-Projekt, dann als jahrelanges Vorhaben:

„Ich habe nur jeden Tag drauf losgeschrieben, bis mein Konto komplett geplündert war. Dann habe ich mir einen Job gesucht – aber erst nach der Veröffentlichung. Es war total naiv. Aber der Leitsatz vom Jakobsweg hat mich getragen.”

Den Verlag fand er auf direktem Weg – ohne Agentur. Der Conbook Verlag meldete sich nach seiner Bewerbung und lud ihn zum Zoom ein. Das Ergebnis: ein 45-Kapitel-Buch, das genauso strukturiert ist wie der Weg selbst.

Warum war der Rucksack nie dein Zuhause?

Die titelgebende Frage stellt Nele am letzten gemeinsamen Abend auf einer Klippe in Fisterra:

„Der Rucksack war für viele Reisende wie ein Schneckenhaus – Schlafsack, Isomatte, Erinnerungen, Sicherheit. Aber für mich war das nicht mein Zuhause. Es war plötzlich ein Mensch, den ich vorher gar nicht kannte, oder ein Ton auf der Mundharmonika, die ich unterwegs gelernt habe. Zuhause ist ein Gefühl – und das entsteht nur, wenn ich mich mit meinen Ängsten konfrontiere und sicher mit mir selbst werde.”

Wordshuffle: Johannes Thon in Schlagworten

  • Bettwanzen – „Nicht das Ende einer Pilgerreise – aber das Ende einer fröhlichen Pilgerreise. Beschäftigt einen auf dem Jakobsweg mehr als hungrige Wölfe.”

  • Reisen – „Große Sehnsucht. Und wahrscheinlich der schönste Weg, um in dieser Welt empathischer zu werden.”

  • Santiago de Compostela – „Am Anfang ein absolutes Fragezeichen – jetzt für mich ein Riesenfest.”

  • Spanien – „Ein Sehnsuchtsland geworden. Nur mein Spanisch ist leider nach wie vor nicht vorhanden.”

  • Mut – „Etwas, was man nicht hat, sondern was man sich durch die Konfrontation mit der Angst erarbeiten muss. Mut braucht auch ein bisschen Naivität.”

  • Gardinenstange – „Mein Wanderstab über 831 Kilometer. Am Ende habe ich sie am Flughafen Santiago an zwei Pilgerinnen verschenkt, die gerade erst losgingen.”

Johannes Thon Jakobsweg Berge

FAQs zu Johannes Thon und dem Jakobsweg

Wer ist Johannes Thon?
Johannes Thon ist Buchautor aus Leipzig. Er wanderte 2019 den Camino del Norte (831 km) und schrieb sein erstes Buch „Der Rucksack war nie mein Zuhause” darüber, das im Conbook Verlag erschien. Das Buch ist kein klassischer Reisebericht, sondern ein ehrliches Tagebuch über Ängste, Kontrollverlust und Selbstfindung auf dem Jakobsweg.

Was ist der Camino del Norte?
Der Camino del Norte ist eine der Jakobswegrouten in Spanien entlang der nördlichen Atlantikküste. Er gilt als landschaftlich beeindruckend und ist weniger überlaufen als der klassische Camino Francés, führt aber über anspruchsvolleres Terrain. Johannes Thon startete in Irun an der französisch-spanischen Grenze und lief 831 Kilometer bis Santiago de Compostela.

Was bedeutet der Buchtitel „Der Rucksack war nie mein Zuhause”?
Der Titel ist die Antwort auf die zentrale Frage des Buches: Wie gehe ich meinen Weg? Für Johannes Thon war Zuhause kein Ort und kein Gepäckstück, sondern ein Gefühl – das nur durch die Konfrontation mit den eigenen Ängsten entsteht. Nicht der Rucksack gab ihm Sicherheit, sondern Menschen, Momente und das wachsende Vertrauen in sich selbst.

Wie lange dauert der Jakobsweg Camino del Norte?
Johannes Thon benötigte 45 Tage für die 831 Kilometer des Camino del Norte. Die Dauer ist individuell – viele Pilger gehen 20 bis 30 Kilometer pro Tag. Übernachtet wird in Pilgerherbergen (Albergues) für ca. 5 Euro pro Nacht, sofern man einen Pilgerausweis (Credencial) hat.

Was hat Johannes Thon vom Jakobsweg mitgenommen?
Die wichtigste Erkenntnis lautet: „Ich muss am Morgen nicht wissen, wo ich am Abend schlafe.” Diese Haltung trägt ihn seitdem durch den Alltag – beim Schreiben, bei der Jobsuche, bei der Frage nach dem nächsten Schritt. Der Jakobsweg veränderte sein Leben nicht radikal, aber er gab ihm Mechanismen und Vertrauen in sich selbst.

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