David Zimmer: Inexio, Herzblut und wie Krebs, Pleite und Resilienz ein Milliarden-Unternehmen formten

Folge: 11

Mit 19 Jahren 750.000 D-Mark Schulden. Mit 23 Jahren Krebsdiagnose. Mit 28 Jahren Vorstandsposten im Großkonzern – und vollkommen desillusioniert. Mit 33 Jahren Kündigung und Neugründung in der Einliegerwohnung. Mit 48 Jahren Verkauf für über eine Milliarde Euro. David Zimmer, Gründer des Glasfaser-Unternehmens Inexio, hat einen Unternehmerweg hinter sich, der weder planbar noch vorhersehbar war – und genau deshalb so lehrreich ist. Sein Buch „Herzblut – Keine Krise ist größer als deine Chance” ist kein Selbstbeweihräucherungs-Buch. Es ist ein ehrlicher Bericht darüber, was wirklich zum Aufbau eines Milliarden-Unternehmens gehört: Fleiß, Resilienz, Fehlentscheidungen – und die Bereitschaft, immer wieder aufzustehen.

Inhalt

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Wer ist David Zimmer?

David Zimmer ist Unternehmer und Investor aus dem Saarland. Er gründete 2007 das Glasfaser-Telekommunikationsunternehmen Inexio, das er von null auf 100 Millionen Euro Umsatz und 100.000 Kunden aufbaute – profitabel seit dem dritten Jahr. 2020 verkaufte er Inexio für über eine Milliarde Euro an den schwedischen Private-Equity-Investor EQT. Anschließend leitete er als Chief Integration Officer die Fusion von Inexio und der Deutschen Glasfaser zur drittgrößten Telekommunikationsgruppe Deutschlands. Parallel betreibt er ein Family Office, über das er in Startups und Social Entrepreneurship investiert. Seine Autobiografie „Herzblut – Keine Krise ist größer als deine Chance” erschien 2020.

Shownotes David Zimmer

Was bedeutet Glück?

David Zimmer zitiert seine Oma:

„Glück ist mit den Tüchtigen.”

Kein Zufall, kein Schicksal. Glück ist für David das Ergebnis von Fleiß kombiniert mit der Bereitschaft, Gelegenheiten aktiv zu suchen:

„Meinen Vertriebsleuten sage ich immer: Ihr dürft nicht nur einen Pfeil beim Dartspielen werfen in der Hoffnung, ihr trefft ins Schwarze. Wenn ihr tausend Pfeile werft, könnt ihr die Augen zubinden – einer wird statistisch treffen.”

Schulabbruch kurz vor dem Abitur – warum ein amerikanisches Schulsystem alles veränderte

Mit 16 Jahren verbrachte David ein Jahr als Austauschschüler in Wisconsin – auf einer elitären Privatschule, die nicht nach Schema F unterrichtete, sondern individuelle Talente erkannte und förderte. Zurück im deutschen Schulsystem war er frustriert:

„Ich war vollkommen frustriert, wie das hier alles nur nach Schema F ablief.”

Parallel gründete er sein erstes Unternehmen und schwänzte für Kundentermine die Schule. Der Bruch kam im Physikunterricht des Direktors: David rechnete eine Aufgabe fehlerfrei vor – und wurde angebrüllt, er mache sich wichtig. Er packte die Tasche, der Direktor sagte, wenn er jetzt gehe, brauche er nie mehr zu kommen:

„Ja, so habe ich das auch gemeint. Das war mein letzter Schultag.”

Das Abitur hat er bis heute nicht nachgeholt.

750.000 D-Mark Schulden mit 19 – und was Familienkonflikt im Unternehmen anrichtet

Das erste Unternehmen lief gut – bis sein Großvater einstieg und familiäre Konflikte in die GmbH schwappten. Als David nicht bereit war, auf Geheiß des Großvaters seine 14 Jahre ältere Freundin zu verlassen, zog dieser seine Bankbürgschaft zurück. Die Konten wurden eingefroren. Was folgte: Konkursverfahren, fast anderthalb Jahre Rettungsversuch, am Ende 750.000 D-Mark Schulden:

„Das war mental die höchste Herausforderung. Man hat gesehen, es lief gut, aber man hatte dieses Problem aus der Vergangenheit noch, wie so ein Mühlstein um den Hals hängen.”

Drei Jahre zahlte er konsequent ab – ohne Urlaub, jeder Überschuss in die Tilgung. Die Frau, für die er die Bürgschaft riskierte, ist heute seit 29 Jahren seine Partnerin, 27 davon verheiratet:

„Es ist eine Unsäglichkeit, sich von jemandem ins Leben reindiktieren zu lassen. Ich muss das Leben führen, nicht mein Großvater.”

Krebsdiagnose mit 23: „Whatever it takes, I will fight”

Mitten in der Schuldenphase kam 1996 die nächste Hiobsbotschaft. Seine Mutter bemerkte eine Schwellung am Hals – David ließ sich widerwillig untersuchen. Die Diagnose nach der Operation: Tumor. Der Assistenzarzt sagte es ihm im Nebensatz:

„Da ist mir erstmal die Welt zusammengebrochen. Der Unterschied zur Schuldensituation war: Das kam wie ein Vorschlaghammer – ohne Vorbereitung.”

Was ihm half: nicht das Mitleid seines Umfelds, sondern sein eigener Optimismus. Seine Eltern waren schlechter drauf als er selbst:

„Ich war geistig schon einen Schritt weiter und habe gesagt: Ich fange jetzt an zu kämpfen. Whatever it takes, I will fight.”

Drei Monate Behandlung, gute Prognose, vollständige Genesung. Und eine Erkenntnis, die sein Leben seither prägt: nie mehr etwas tun, davon er krank wird.

Die Harvard-Bibliothek und die Geburtsstunde des Internet-Providers

Nach der Krebserkrankung fuhr David in die USA, um Kopf und Geist freizubekommen. In Cambridge – Vorort von Boston, Heimat der Harvard University – stöberte er durch die Bibliothek und entdeckte eine Studienarbeit: „How to become your own ISP”.

„Das war 1996. Internet war in Deutschland quasi unbekannt.”

Er überredete die Bibliothekarin, ihm die Arbeit mitzugeben, fuhr zurück zu seinem Bruder und sagte: „Tobias, lass uns einen Internet-Provider machen – das wird das nächste große Ding.”

Der Steuerberater schüttelte den Kopf, die Bank zögerte – sie machten es trotzdem. 1996 startete der Internet-Provider, der ab 2007 die Grundlage für Inexio bilden sollte.

Vom Vorstandsposten im Großkonzern zurück in die Einliegerwohnung

2000 verkaufte David seinen Internet-Provider an eine RWE-Tochter. Mit 28 Jahren stand auf seiner Visitenkarte: Vorstand, RWE-Gruppe. Was sich gut anfühlte, wurde nach zwei, drei Jahren zum Problem. E-Mails am Wochenende? Verboten. Neue Ideen? Zu schnell, zu groß, bitte erst Gewinn verdoppeln ohne zu investieren.

„Wenn die Verwalter und die Beschützer des Status Quos diejenigen ständig übertrumpfen, die was verändern wollen, dann ist das extrem frustrierend.”

Und dann: die Frage, die alles veränderte:

„Kann ich mir das hier noch vorstellen bis zur Rente? Damals war ich 33. Ich habe mir gedacht: 30 Jahre – da werde ich wahnsinnig.”

Inexio: Von 0 auf 100 Millionen – wie eine kühne Vision ein Team zusammenschweißt

2007 gründete David mit seinem Bruder und einem Eigenkapital von sieben Millionen Euro das Glasfaserunternehmen Inexio – mit dem Versprechen, Glasfaser dorthin zu bringen, wo die Menschen am längsten darauf warten: in die ländlichen Regionen der Eifel, des Hunsrücks, von Rheinland-Pfalz.

Der Businessplan: fünf Jahre Verluste. Die Realität: bereits im dritten Jahr profitabel. Als nach einiger Zeit Selbstgefälligkeit ins Unternehmen einzog, erfand David den nächsten Antrieb: die Vision, bis 2020 von 5.000 auf 100.000 Kunden und von 10 auf 100 Millionen Euro Umsatz zu wachsen – eine Verzwanzigfachung:

„Da hat jeder mit dem Kopf geschüttelt. Ich habe die Erfahrung gemacht: Je mehr Zweifler auf der Gegenseite sind, desto besser ist die Idee.”

Das Ziel wurde nicht 2020 erreicht – sondern 2019, ein Jahr früher als geplant.

Unternehmenskultur: Fehlerkultur ist keine Lippenbekenntnis

Eine der stärksten Führungsgeschichten aus Davids Unternehmerzeit: Ein Mitarbeiter machte einen Fehler, durch den die ARD-Webseite zur Tour de France für mehrere Stunden nicht erreichbar war. Der Aufsichtsratsvorsitzende verlangte die sofortige Entlassung des Verantwortlichen. Davids Antwort:

„Nein. In dem Moment, wo man so etwas macht, kommt man von einer Fehlerkultur in eine Angstkultur. Ich rede mit dem Mann – und wir feuern den nicht.”

Der Mitarbeiter blieb. Und wurde, wie David es vorhergesagt hatte, einer seiner besten.

„Das sind Sachen, wo Leute sich plötzlich was trauen, was sie im Großkonzern gar nicht mehr machen, weil sie dort nur Angst haben, beim Controller antreten zu müssen.”

Foto David Zimmer Herzblut Inexio
Foto: David Zimmer

Der Milliarden-Exit und was danach kam

2020 verkaufte Inexio für über eine Milliarde Euro an EQT und den kanadischen Pensionsfonds OMERS. Doch David verkaufte nicht alles – er blieb drittgrößter Gesellschafter und übernahm als Chief Integration Officer die Fusion von Inexio mit der Deutschen Glasfaser: Das Ziel, die Nummer drei im deutschen Telekommunikationsmarkt hinter Telekom und Vodafone aufzubauen.

Parallel gründete er ein Family Office und investiert seither in Startups – von Wasseraufbereitungsanlagen für Afrika über Payment-Systeme für den afrikanischen Kontinent bis hin zu Startup Teens, einer Initiative für mehr Gründungsgeist bei Jugendlichen in Deutschland.

„Wir nennen uns das Land der Dichter und Denker und Erfinder. Aber wo ist das Siemens und Bosch der letzten 30 Jahre? SAP war der Letzte, der wirklich was Großes hervorgebracht hat.”

Wordshuffle: David Zimmer in Schlagworten

  • Freiheit – „Für mich der wichtigste Wert überhaupt, ohne den alles andere obsolet wird.”

  • Käsestart – „Wisconsin, 1989/90. Ich wollte Californien, Surfbrett, kurze Hosen. Stattdessen: Farmen, Bauernhöfe, Traktoren – und eine Privatschule, die mein Leben verändert hat.”

  • Zeit – „Der Gleichmacher. Egal wie viel Geld man hat – Zeit ist endlich für alle. Man sollte höchst pfleglich mit ihr umgehen.”

  • Reichtum – „Relativ und kein Wert an sich. Ein Aggregatszustand.”

  • Digitalisierung – „Die größte Herausforderung für Gesellschaft, Unternehmen und Staat. Wir haben enormen Aufholbedarf – und der muss endlich beherzt angegangen werden.”

  • Kilimandscharo – „Hat mich dreimal Demut gelehrt. Vision, Durchhaltevermögen, Komfortzone verlassen – alles in einer Woche kondensiert.”

  • Saarland – „Meine Heimat. Hier grenzen Luxemburg, Frankreich und Deutschland aneinander – Europa lebt man hier jeden Tag.”

  • Herzblut – „Das Erfolgsgeheimnis von Inexio. Die meisten Mitarbeiter hätten sich auf dem Weg die Hand für das Unternehmen abhacken lassen. Das kriegt man nur mit Herzblut hin – nicht mit einem Bonusprogramm.”

Zuletzt aktualisiert: April 2026


FAQs zu David Zimmer, Inexio und Herzblut

Wer ist David Zimmer?
David Zimmer ist Unternehmer und Investor aus dem Saarland. Er gründete 2007 das Glasfaser-Telekommunikationsunternehmen Inexio, baute es auf 100 Millionen Euro Umsatz auf und verkaufte es 2020 für über eine Milliarde Euro an den schwedischen Investor EQT. Er ist Autor der Biografie „Herzblut – Keine Krise ist größer als deine Chance”.

Was ist Inexio?
Inexio ist ein deutsches Glasfaser-Telekommunikationsunternehmen, gegründet 2007 von David Zimmer im Saarland. Das Unternehmen spezialisierte sich auf ländliche Regionen – vor allem Rheinland-Pfalz, Eifel und Hunsrück – und wuchs von null auf 100.000 Kunden und 100 Millionen Euro Umsatz. 2020 wurde Inexio für über eine Milliarde Euro verkauft und später mit der Deutschen Glasfaser zur drittgrößten Telekommunikationsgruppe Deutschlands fusioniert.

Was ist das Buch „Herzblut – Keine Krise ist größer als deine Chance”?
„Herzblut” ist die Autobiografie von David Zimmer. Sie beschreibt seinen Weg vom Schulabbruch über Pleite, Krebsdiagnose und Großkonzern-Frustration bis zum Milliarden-Exit. Jedes Kapitel endet mit Reflexionsfragen, die Leser zur Selbstanalyse einladen.

Wie hat David Zimmer Inexio finanziert?
Inexio startete mit sieben Millionen Euro Eigenkapital der Gründer (Bootstrapping). Ab 2012 kamen private Equity-Investoren dazu – zunächst die Deutsche Beteiligungs AG, später weitere. Subventionen und Kommunalzuschüsse ergänzten die Finanzierung für wirtschaftlich schwierige Ausbauprojekte auf dem Land.

Was macht David Zimmer heute?
Nach dem Verkauf von Inexio ist David Zimmer Chief Integration Officer der fusionierten Gruppe Deutsche Glasfaser/Inexio und betreibt ein Family Office, über das er in Startups und Social-Entrepreneurship-Projekte investiert – darunter Wasseraufbereitung für Afrika, Payment-Systeme für Schwellenländer und Startup Teens, eine Initiative für Gründungsgeist bei Jugendlichen.

Was unterscheidet Inexio von anderen deutschen Startups?
Inexio war von Anfang an auf Profitabilität ausgerichtet – kein Wachstum auf Kosten roter Zahlen. Bereits im dritten Jahr war das Unternehmen profitabel und erreichte zuletzt ein EBITDA von 42 Millionen Euro bei 100 Millionen Euro Umsatz. Das unterscheidet Inexio von vielen deutschen Einhörnern, die auf reine Wachstumsfantasie setzen.

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